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China macht es vor: Wertfreie Aufklärung vermindert Diskriminierung

Bücher China

Man mag es kaum glauben: China zeigt sich derzeit fortschrittlicher als es eine Hedwig von Beverfoerde oder eine Birgit Kelle im angeblich ach so aufgeklärten Deutschland tun. Was ist da bloß im Reich der Mitte passiert? Der konservativ geschätzt fünfprozentige LGBTI-Anteil der Bevölkerung findet Eingang in den Lehrplan. Was in Prozentzahlen gering klingt, entspricht in realen Zahlen etwa 85% der in Deutschland lebenden Menschen, nämlich 70 Millionen.

In Zeiten, in denen erzkonservative Kreise in Deutschland und anderen europäischen Ländern die angebliche Frühsexualisierung beklagen, führt die chinesische Regierung Bücher für Schüler der zweiten bis sechsten Klasse ein, die wertfrei auf unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Geschlechteridentitäten eingehen. Auch wenn die Bücher noch nicht flächendeckend vorhanden sind, kommt dieser Schritt fast einer Revolution gleich.

Zwar ist Homosexualität seit 1997 nicht mehr strafbar und wird seit 2001 auch nicht mehr als Geisteskrankheit angesehen, doch ist auch heute noch in Lehrbüchern für Medizinstudenten die Aussage zu finden, Homosexuelle seien krank und ihre Gefühle für das gleiche Geschlecht eine Perversion.

Dies veranlasste eine 22-jährige lesbische Studentin 2015 zu einer Klage gegen das Bildungsministerium; schließlich werden diese »Lehrbuchweisheiten« nach absolvierter Ausbildung in die tägliche Arbeit der Mediziner übernommen, was eine nie enden wollende Spirale der Diskriminierung erzeuge.

Über die Hälfte der medizinischen Fachbücher vermittele zudem den Eindruck, man könne Homosexualität behandeln oder gar heilen, unter anderem – man lese und staune – durch eine heterosexuelle Heirat.

In einer Umfrage aus dem Jahr 2016 präsentiert sich das Land LGBTI gegenüber als liberal, allerdings müssen die so positiv klingenden Ergebnisse in Zweifel gezogen werden, die Befragungen wurden fast ausschließlich in Großstädten durchgeführt. 43% der chinesischen Bevölkerung aber leben noch auf dem Lande, wo nur in den seltensten Fällen überhaupt über Sexualität gesprochen wird, und die stetig zunehmende Stadtflucht beinhaltet nicht automatisch die Übernahme des dort tatsächlich eher vorherrschenden liberalen Gedankenguts.

China: Anwälte aus der LGBT-Community

Die erwähnte Studentin wurde nach ihrer Klageerhebung auf Betreiben ihrer Eltern in ein Krankenhaus eingewiesen; das rief zwei Anwälte aus der LGBTI-Community auf den Plan, sie nach ihrer Entlassung vor Gericht zu vertreten. Die Abhängigkeit der chinesischen Justiz vom politischen Willen aber lässt jede Klage zu einem Balanceakt werden – insofern war es bereits eine große Überraschung, dass die Klage überhaupt zugelassen wurde.

Immer mehr Studierende untermauerten die Dringlichkeit daraufhin mit täglichen Briefen an das Bildungsministerium, in denen sie auch Neuformulierungen für Lehrbücher vorschlugen. Nach nur wenigen Monaten entschied das Gericht allerdings, dass die Lehrbücher nicht geändert werden müssten, worauf die Anwälte sofort wieder eine Klage einreichten. Das endgültige Urteil steht noch aus.

Positive Reaktionen in China auf die neuen Schulbücher

Ob die neuen Schulbücher nun eine direkte Folge der öffentlichkeitswirksamen Klage sind, ist sehr unwahrscheinlich und passt auch nicht ins politische Selbstverständnis des Systems. Tatsache ist aber, dass die darin enthaltene Aufklärung auch die Gleichstellung der Geschlechter, Schwangerschaft und Homosexualität beinhaltet.

Der Hinweis, dass Liebe etwas Wunderbares sei, wird z.B. mit der Abbildung eines gleichgeschlechtlichen Paares illustriert. Das passt nicht allen Eltern, aber das Gros der Reaktionen ist positiv.

Zu begrüßen ist vor allem, dass endlich auch sexuell übertragbare Krankheiten thematisiert werden; damit zeigt die Regierung, dass sie in der Realität der Gegenwart angekommen ist. Insbesondere die Anzahl der HIV-Infektionen ist in den vergangenen Jahren drastisch in die Höhe geschnellt; mit dem Mehr an Wissen über Sexualität und allem, was damit zusammenhängt, hofft man, ein verstärktes Bewusstsein für Schutz zu schaffen.

Die gegenteilige Entwicklung sieht man derzeit ja in jenen Ländern, in denen die Prävention als Teil der sogenannten »Homo-Propaganda« verboten ist.

Wenn man den Berichten über die neuen Schulbücher Glauben schenken darf, beziehen sich die Gegenstimmen nicht auf die angeblichen Gefahren einer ebenso angeblichen Frühsexualisierung, sondern entstammen lediglich dem Schamgefühl der (überwiegend) Mütter. Mit einem unverkrampften Blick auf Sexualität wird auch dieses Gefühl in den Hintergrund gedrängt werden. Die »Initiative Familienschutz« und die »Demo für [angeblich] alle« samt ihren Frontfrauen könnten sich davon eine dicke Scheibe abschneiden …

Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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