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Wenn Frauen auf schwule Männer fliegen

Es scheint ein unsichtbares, aber magisches Band zu sein, das viele Frauen mit homosexuellen Männern verbindet. Und mehr noch: Oft genug sind Frauen sogar in schwule Männer verliebt, so dass der Wunsch, »mehr« als nur befreundet zu sein, Oberhand gewinnt. Zumindest auf Seiten der Frauen. Tatsächlich entsprechen Schwule, legt man mal die gängigen Klischees zugrunde, in vielerlei Hinsicht der Erwartungshaltung, die Frauen an Männer legen – und die sie bei den heterosexuellen Pendants nicht wiederfinden. Aber es sind und bleiben doch zumeist die Idealvorstellungen und Stereotypen, die dabei im Vordergrund stehen.

  • »Ihr seid aufmerksam und einfühlsam, könnt zuhören, seid verständnisvoll und sehr liebenswürdig. Man kann mit Euch wunderbar über Musik und Kunst, über Stil und Mode reden und fühlt sich als Frau wahrgenommen.«
  • »Der Reiz liegt darin, dass sich Schwule sehr von Heteros unterscheiden.«
  • »Mein schwuler Freund will mir wenigstens nicht an die Wäsche gehen.«
  • Ich habe neulich einen Mann kennengelernt und finde es einfach herzzerreißend schade, dass es wieder einmal ein schwuler Mann ist – optisch, charakterlich, in der Kommunikation so vielseitig, empathisch und interessant, wie es heterosexuelle Männer selten bis nie sind.
  • »Schwule sind oft ›Traummänner«, denn sie haben einen sehr hohen weiblichen Anteil. Viele Schwule sind noch mehr ›Frau‹ als wir. Sie sind eher so, wie wir Frauen selbst sind. Ein schwuler Freund ist eher eine Freundin, mit der man über alles reden kann.

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Ja – es scheint, dass jede Frau einen Schwulen als besten Freund haben will. Aber sie schießt gewaltig übers Ziel hinaus, wenn sie ihn dann noch als »beste Freundin« apostrophiert. Viele Frauen glauben nämlich, dass sie sich im homosexuellen Manne spiegeln können.

»Meiner Meinung und Erfahrung nach sind schwule Männer und Frauen ideale Menschen, vielleicht weil sie aus beiden Welten ›das Beste« verkörpern.« Ist das wirklich »das Beste«? Gutes Aussehen und gute Umgangsformen, feminine und damit vergleichbare Charakterzüge, ausgeprägtes Empathievermögen … und über Männer kann man sich auch noch trefflich austauschen; schließlich gibt es auf beiden Seiten entsprechende Erfahrungen.

Mit einer anderen Frau könnte man das nie: »Ich denke, unter Frauen ist immer auch irgendwie Konkurrenz, auch wenn sie Freundinnen sind. Bei einer Freundin ist es immer irgendwie anders.
Jedenfalls gebe ich meinen schwulen Freund nicht mehr her.« Und da beschweren sich doch üblicherweise Frauen, dass sie als Objekt betrachten würden …

Schwule Männer: Träumen wird man wohl noch dürfen

Schwule Männer sind für viele Frauen eben einfach perfekt. Und sie bemerken wesentlich öfter als ihre heterosexuellen Pendants, wenn sich Frauen aufhübschen, um reizvoll zu wirken. Und machen völlig unaufgefordert entsprechende Komplimente.

Auch wenn hier jeglicher weiblich-erotische Reiz ins Leere läuft, ist alleine schon die geäußerte Anerkennung Balsam auf der vom hetero-männlichen Unverständnis geschundenen Seele. Sind das nicht die besten Voraussetzungen für eine lebenslange, innige Freundschaft? Und doch scheinen sie unerreichbar.

»Manchmal ist man als Frau todtraurig, dass es gerade dieser Schlag an Männern ist, der uns für eine Partnerschaft nicht zur Verfügung steht«, seufzt es aus des Weibes Seele. »Als Frau hat man plötzlich das Gefühl, endlich einmal auch von einem Mann verstanden zu werden, während es viele heterosexuelle Männer oft schon schwer genug haben, sich selbst zu verstehen.

[Schwule] haben die unbedingte Begabung, eine Frau wie mich einfach mit sich zu reißen.« Hier haben Hetero-Männer offensichtlich schlechte Karten – und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, wenn sie in aggressiver Abwehrhaltung lospoltern: »Sind Frauen in Gesellschaft echter Männer so unsicher, dass sie die Entmännlichten bevorzugen?« Abgesehen davon, dass auch bei schwulen Männern das primäre männliche Geschlechtsorgan in einer vergleichbaren Schwankungsbreite ausgebildet und einsatzfähig ist, muss man wohl erst einmal die Frage klären, was einen »echten« Mann ausmacht – und ob es nicht eher seine eigene Schuld ist, wenn sich Frauen in seiner Gesellschaft unwohl fühlen. Der Schwule als Sündenbock ist hier fehl am Platze.

Prosecco nach dem Sex

In manch einer weiblichen Wunschvorstellung ist der schwule Mann auch als Lebenspartner perfekt. »Am liebsten würde ich ganz einfach mal ausprobieren wollen, ob ich einen Schwulen davon überzeugen könnte, mit einer Frau zusammen zu leben«, liest man in den Foren so mancher Frauenzeitschrift.

Dass die sexuelle Komponente zwangsläufig unter den Tisch fällt, scheint dabei egal zu sein. Sie sind so verliebt, dass sie für einen solchen Mann auf den Sex verzichten würden – oder ihn sich woanders holen. Verliebt sind sie dabei allerdings zumeist nur in ihr angebliches Ebenbild.

»Möglicherweise ist es auch der Reiz der Herausforderung, das Unmögliche zu schaffen, einen schwulen Mann mit den unwiderstehlichen Reizen einer Frau umzudrehen. Viele Frauen sind ja davon überzeugt, sie könnten jeden Mann für sich gewinnen«, lässt sich ein Mann im Frauenthema vernehmen. Die Herausforderung führt dazu, dass Komplimente als Flirt missverstanden werden:

»Habe im Herbst einen superattraktiven und supernetten Mann kennen gelernt. Er hatte immer wieder – meiner Meinung nach – mit mir geflirtet. Waren dann eines Abends in Dezember essen – bis er mir sagte, dass er schwul ist. Wir verbringen immer noch viel Zeit miteinander. Er gefällt jeden Tag immer mehr. Er ist einfach mein Typ, nicht nur äußerlich. Auch seine Art und sein Charakter gefallen mir sehr. Er ist einfach perfekt. Ich bin total verliebt. Manchmal zweifle ich auch an seinem ›Schwulsein‹.

Er guckt mich immer mit so einem Blick an und sagt mir Sachen, die ich eigentlich nur aus dem Munde eines Heteros erwarten würde.« Natürlich wartet jeder schwule Mann nur darauf, umgepolt zu werden. Was kann ihm auch Besseres passieren, als sich einer einfühlsamen Frau hinzugeben?

Und hundertfach sind die Beweise …

Er würde sich nach dem Sex bestimmt noch eine Weile über moderne Malerei unterhalten wollen. Oder einen Prosecco holen. Moment mal … nach dem Sex? Wenn das Klischee dem schwulen Manne unterstellt, sein höchstes Glück sei es, »eine Hete zu knacken«, so muss endlich mal darüber gesprochen werden, dass es viel öfter Frauen sind, die die sexuelle Orientierung schwuler Männer aus purem Egoismus oder aus einer unerfüllten Wunschvorstellung heraus nicht akzeptieren wollen.

Natürlich rede ich nicht grundsätzlich wider die Freundschaft schwuler Männer mit Frauen. Hat nicht jeder Schwule eine Gaby? Und – seien wir ehrlich: Sehen nicht beide den jeweils Anderen als schmückendes Beiwerk, als Accessoire? Die Zeiten, in denen Frauen schwulen Männern als Alibi dienen mussten, damit gesellschaftliche Normen erfüllt werden, sollten schon lange vorbei sein … auch, wenn es interessanterweise Frauen mit Namen wie Gabriele (ist das vielleicht auch eine Gaby?), Birgit oder Hedwig sind, die den Rückfall in die gesellschaftliche Steinzeit propagieren.

Viel zu oft muss die Gesellschaft da gar nicht zurückfallen, sondern hat sich noch nicht aus der Steinzeit bewegt. Denn die Sichtweise des schwulen Mannes als »beste Freundin« beinhaltet immer die falsch verstandene Schutzfunktion: »Ich würde einen Schwulen heiraten, wenn es notwendig sein sollte«. Ja … fragt mal jemand den Schwulen?

Runter vom Sockel!

Frauen sind zauberhafte Wesen. Natürlich nicht alle. Ebenso wenig hat die Überhöhung der Schwulen als Summe aller positiven menschlichen Eigenschaften irgendetwas mit der Realität zu tun. Auch wenn manch Schwuler Frauen zur Diva oder gar Göttin hochstilisiert – es sind und bleiben Frauen. Und schwule Männer bleiben Männer. Aber welche, die auf Männer stehen.

Mir persönlich würde es ja schon genügen, wenn all jene Frauen, die mit dem Titel gemeint sind oder sich davon angesprochen fühlen, Schwule einfach nur als das nehmen, was sie tatsächlich sind: Menschen, soziale Wesen mit positiven und negativen Eigenschaften, die mal gut- und mal übelgelaunt, nett und freundlich, mal zickig und streitsüchtig, aber eben auch unverbindlich sein können. Also, liebe Frauen: Hört bitte auf, Eure Wunschvorstellungen auf schwule Männer zu projizieren.

Wir können ihnen nicht entsprechen – und wir wollen es auch nicht. Wir sind auch nicht Euer Ebenbild. Marianne Rosenberg hat mit »Ich bin wie du« den Schwulen eine Hymne gegeben; es ist keine Aufforderung an Frauen, sich in Schwulen zu spiegeln.

Aber trotzdem mag ich Euch.

Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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