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Marcel Mann: Du kannst keine Comedy machen, ohne jemandem auf die Füße zu treten

Interview mit dem Comedian und Synchronsprecher

Queerpride traf den 31jährigen Synchronsprecher und Comedian im Berliner Café Sarotti.

Er kommt herein und lässt sofort seinen jungenhaften Charme spielen. Er ist genau so, wie man ihn aus Videos von seinen Stand-Ups kennt – oder ist er auf der Bühne einfach nur er selbst, das regenbogenfarbene und sternenstaubbehaftete Einhorn der deutschen Comedy-Szene? Heute trägt er kein Einhorn-T-Shirt, sondern einen Katzenpulli – und man bekommt unweigerlich das »haben wollen«-Gefühl, denn eine der lebensechten Katzen sieht dem Gegenüber aus ihren funkelnden grünen Augen direkt ins Gesicht.

Sein Terminkalender ist wohlgefüllt: Im Hauptberuf Synchronsprecher, tourt er derzeit mit dem Soloprogramm »Weil ich ein Männchen bin« durch Deutschland und ist Teil einer neuen Comedy-Show bei Pro7. Er liebt die Arbeit im Synchronstudio, weil sie so konzentriert vor sich geht, ohne Störungen von außen, aber die Atmosphäre im Comedy-Club, im Theater ist, wie er sagt, einfach unbezahlbar. Wenn’s läuft, dann sei das das schönste Gefühl überhaupt. Selten fühle man sich so lebendig wie in dem Moment, wenn man weiß, dass man gerade die Emotionen von dreihundert Leuten dirigiert. Er sagt es ohne Pathos, sondern voller Begeisterung – und man spürt, er ist mit dem, was er macht, ganz bei sich.

Geboren und aufgewachsen ist er im Schwäbischen, seit 2008 lebt er in Berlin. Hier hat er 2015 seinen bislang größten Erfolg eingefahren: den Sieg im Jahresfinale der Talentschmiede des »Quatsch Comedy Clubs«. Dazu kommen Auszeichnungen bei Comedy-Slams in Düsseldorf und Trier sowie bei der »Fritznacht der Talente« von Radio Fritz. Es werden mit Sicherheit noch welche dazukommen.

»Ich weiß ja nicht, wie lustig ich wäre, wenn ich nicht schwul wäre.«

Marcel Mann macht aus seiner sexuellen Orientierung kein Geheimnis, aber er hat statt der Holzhammer-Methode das Florett gewählt. Er kokettiert mit Halbsätzen, Gesten und diesem waffenscheinpflichtigen, weil tödlichen Blick, mit dem er auf Zwischenrufe reagieren kann. Er lässt sein Publikum von selbst drauf kommen – oder eben nicht. »Wer nicht begreift, dass ich schwul bin, der muss es auch nicht wissen – und wer es direkt sieht: Herzlichen Glückwunsch.« Manchmal, so scheint es, kann das Leben ganz einfach sein. Wobei ›einfach‹ eine Definitionsfrage ist. Denn Marcel Mann hatte das große Glück, gar kein Coming-out zu haben, weil er keins brauchte.

»Ich wusste schon immer, ich bin anders als andere Kinder, andere Jungens, aber ich wusste nicht, was anders ist, denn als Kind hat man ja keine Vorstellung von Sexualität. Als ich dann das Konzept ›schwul‹ für mich begriff, dachte ich: ›Ah, dieses Kästchen muss ich ankreuzen.‹« Erst als er sich zum ersten Mal verliebte, erzählte er seiner Mutter, dass er nun einen Freund hätte. Die Reaktion? »Wir waren uns so nah wie nie zuvor«, sagt er – und setzt mit einem spitzbübischen Grinsen noch einen drauf: »Und wie nie mehr danach. Hallo Mama!«

Marcel ist wegen seiner Homosexualität noch nie angegriffen worden, aber sie hat das eine oder andere Mal durchaus geholfen, einen Wunsch zu erfüllen. In der TV-Serie »Glee« synchronisierte er den schwarzen Transgender Wade »Unique« Adams. Er kannte die Serie im Original und wollte diese Rolle unbedingt – und wurde tatsächlich besetzt, weil der Regisseur sagte: ›Du bist der Einzige, der sich in die Rolle versetzen kann, weil Du einen jungen Mann sprechen kannst, aber auch weißt, wie es ist, anders zu sein als alle Anderen.‹ Er erzählt diese Geschichte mit großer Dankbarkeit: »Das ist eine große Ehre, aber auch eine große Verantwortung. Solche Rollen sind mir sehr wichtig, weil sie Menschen, die gar nichts damit zu tun haben, ein neues Spektrum aufzeigen – von alternativem Menschsein.«

»Ich bin ja kein Opfer, ich bin Täter.«

Da, wo er herkommt, ist Homosexualität noch ein ganz großes Thema – wie in vielen anderen kleinen Orten auch. Viele junge Männer schreiben ihm und bedanken sich, dass er so ist, wie er ist. Und sie schreiben von den Reaktionen auf ihr eigenes Coming-out: ›Oh Gott, wenn das der Nachbar erfährt‹ oder ›Bitte, liebes Kind, wir haben ja kein Problem damit, aber wenn das im Parterre bekannt wird‹ – dann wird ihm plötzlich bewusst, welchen Einfluss man in der Comedybranche auf junge Männer haben kann, die merken: ›Oh, das ist ja gar nicht schlimm. Man kann ja Teil von etwas Großem sein, obwohl man schwul ist.‹

Und plötzlich wird er ernst: »Daran merke ich, dass das viel häufiger in meinen Stand-ups vorkommen sollte, denn ich bin ja kein Opfer, ich bin Täter.« Klingt witzig und selbstbewusst, stimmt aber auch nachdenklich. »Ich bin einfach da – und ich spreche über das, was meine Lebenswelt betrifft.« Einfacher sei es, wenn im Publikum viele Frauen sitzen, die sofort wissen, wo die Reise hingeht und die Männer dann mitziehen. »Allein vor einem sehr männlichen, heteronormen Publikum würde ich vermutlich keinen Blumentopf gewinnen, jedenfalls nicht auf kurzer Strecke«, muss er dann doch zugeben.

»Anderssein ist nicht unbedingt schlechter, es ist nur anders.«

Auch wenn er passen würde – in diesem Satz geht es nicht um die sexuelle Orientierung, sondern um seine bisherige Lieblingsrolle. Das war die Hauptrolle in der Netflix-Serie »Atypical« aus dem Jahr 2017. Sam ist ein junger Autist, der nur eine leichte Form von Autismus hat. Er geht ganz normal in eine Schule, erscheint aber etwas kauzig, da Gefühle für ihn etwas Abstraktes sind. Er sucht eine Freundin, kann aber – und darin liegt der Witz – nicht nachvollziehen, wie Frauen empfinden oder denken.

»Es ist eigentlich süß gemacht, denn es zeigt: Anderssein ist nicht unbedingt schlechter, es ist nur anders.« Marcel Mann hat sich umfassend vorbereitet, hat Artikel gelesen und Videos angesehen, aber letztlich fiel es ihm nicht schwer, denn die Rolle war vom Originalschauspieler sehr gut angelegt. »Sam hat viel über die Antarktis gesprochen, und ich habe viel über Pinguine gelernt.« Er freut sich schon auf die Fortsetzung, denn die zweite Staffel wird gerade gedreht.

In seinem Bühnenprogramm »Weil ich ein Männchen bin« erzählt er dem Publikum viele Geschichten aus seinem Leben als Synchronsprecher. Marcel fällt dann gerne mal in die eine oder andere Stimme aus High School-Serien zurück, aber er lässt auch die Versprecher nicht aus. Seine Kollegen reagieren etwas ambivalent, wenn er aus dem Nähkästchen plaudert, aber er – so sagt er – ziehe ja nicht die Branche durch den Kakao, sondern erzähle von sich. Viele Kollegen fänden das gut und kauften sich Tickets für die Shows, aber eines ist ihm auch klar: »Wer mich vorher nicht mochte, der mag mich auch nicht danach.«

Wenn er so vor einem sitzt und erzählt, kann man sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die ihn nicht mögen. Aber man kann eben keine Comedy machen, ohne jemandem auf die Füße zu treten. Wer sich davon überzeugen möchte: Marcel Mann gastiert am 5. Februar in Düsseldorf, am 10. Februar in Bielefeld, am 17. Februar in Berlin, am 22. Februar in Hamburg und am 23. Februar in Bonn. Wer nicht hingeht, verpasst etwas. Weitere Termine bis in den November sind auf der Website marcelmann.de zu finden. »Die Comedy-Show« auf Pro7 startet am 9. Februar.

Da ein gedrucktes Interview dem Charme und der Präsenz Marcel Manns, der sein Publikum mit Stimme und Sprache, mit Vorder- und Hintergründigem begeistert, nicht annähernd gerecht wird, gibt’s hier den Mitschnitt unseres Gesprächs. Wir wünschen viel Vergnügen.

Bild: Henrik Pfeifer.

Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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