Regenbogengeblubber: Wenn Homosexuelle sich selbst genügen

© kanunez376 /CC-BY-SA 2.0 (via Flickr Commons)

Homophobie in Russland? Todesstrafe für Homosexuelle in afrikanischen Ländern? Papperlapapp, das scheint alles dann völlig unwichtig zu sein, wenn Homosexuelle sich selbst genügen. Dafür ist es wahnsinnig wichtig, dass vor unseren Ämtern die Regenbogenflagge gehisst wird oder eine Wurst singt. Und wenn Aktionen nicht nachhaltig sind – so what? Ein (selbst)kritisches Pamphlet zur Lage der „Community“.

Homosexuelle Seifenblasendebatten

Was Redaktionsbüros derzeit alles so erleben, spottet manchmal jeder Beschreibung. Da spuckt das Sommerloch Pressemitteilungen aus, bei denen man nicht weiß, ob man nun lachen oder weinen oder einen Wutanfall bekommen soll. Zum Beispiel, wenn sich irgendeine Ordensbewegungsschwester selber feiert, indem sie verkündet, ihre Gemeinschaft sei nun von wem auch immer „weltweit anerkannt“, und sie/er selbst sei jetzt die Weltäbtissin. Es ist unfassbar lächerlich, man kann solche Mitteilungen nur zurück ins Sommerloch kippen, belassen wir es dabei. Alles in allem ernster wurde es, als der SPD-Landtagsabgeordnete Tom Schreiber forderte, die Regenbogenflagge müsse in Berlin ab 2015 rechtlich verbindlich vor Ministerien und Ämtern gehisst werden. Mancher mag ihn für dieses Engagement loben, doch bei näherer Betrachtung liegt die Betonung auf kann, denn wenn es ein Beispiel dafür gibt, dass manche Homosexuelle sich zunehmend selbst genügen, und infolgedessen ein fast schon elitäres Gehabe an den Tag legen, dass einem die Spucke wegzubleiben droht, dann ist es dieses. Was zum Beispiel würde passieren, wenn Schreibers Forderung in die Tat umgesetzt würde? Daraus wiederum folgt: Woher nehmen wir Homosexuelle eigentlich das Recht auf eine derartige Sonderbehandlung? Soll jetzt am homosexuellen Wesen die Welt genesen? Und was soll der Berliner Senat eigentlich machen, wenn künftig die Tierschützer am Tag gegen die Tierquälerei oder die Veganer am Tag gegen das Fleisch ihre Fahne gehisst sehen wollen? Nein, so geht das nicht, und das ist das Verbindende an diesen beiden Beispielen. Bei alledem gebührt Schreiber aber dann doch ein Lob. Seine Anfrage hat nämlich das wahre (!) Ausmaß der ach so gepriesenen Toleranz und Akzeptanz des Landes Berlin und der hiesigen „GroKo“ für LGBT-Menschen zutage befördert hat, nämlich die, dass es sich hier um ein Trugbild, eine Schimäre handelt. Wowereitakzeptanzland ist abgebrannt – das ist die wesentliche Botschaft der Senatsantwort auf Schreibers parlamentarische Anfrage, so kritisch man sie auch einschätzen mag. Kümmert’s die „Community“? Mit wenigen Ausnahmen: Nein!

Wowereitakzeptanzland ist abgebrannt!

Was an den Weltweitzäbtissinnen und Regenbogenflaggenfetischisten allgemein gesehen das Ärgerlichste ist: Sie sind – dies hoffentlich unbewusst – Protagonisten einer Homosexuellen-„Community“, die sich allzu oft selbst genügt. Die oft nicht in der Lage zu sein scheint, über den Tellerrand zu schauen. So läuft in Deutschland derzeit eine sehr wichtige Diskussion darüber, ob man Russland nicht die Fußballweltmeisterschaft 2018 entziehen müsste. Dies nicht nur wegen der unfassbaren Vorgänge in der Ukraine, sondern auch wegen der Putin’schen Homophobie in dem Land. Berührt es uns wirklich und reflektieren wir es? Mit wenigen Ausnahmen: Nein! Es gibt neue Meldungen über repressive Gesetze gegen Homosexuelle in Afrika und eine ausufernde Schwulenfeindlichkeit. Was sagen wir dazu? Mit wenigen Ausnahmen: Nichts! Und wie geht es denn nun eigentlich weiter mit dem Berliner CSD? Wir, huch, erinnern uns doch sicher noch daran, wie aufgeregt wir da alle waren. Ist der CSD-Verein nun pleite? Was wird aus Robert Kastl? Und was macht eigentlich das Aktionsbündnis, wenn sich die Mitglieder nicht gerade via Mailverkehr über Terminprobleme zerfleischen? Seit der CSD in Berlin vorbei ist, sind alle diese unverändert aktuellen Themen wie Seifenblasen zerplatzt, wobei es bezeichnend ist, dass einmal mehr eine Interviewanfrage bei einem CSD-Vorstandsmitglied, die genau die Fragen in diesem Kommentar klären sollte, nicht mal beantwortet wird. Es herrscht nach dem Berliner CSD dieselbe Ignoranz und Arroganz wie vor dem Berliner CSD. Und auch dieselbe Intransparenz. Juckt es uns? Mit wenigen Ausnahmen: Nein!

Elitäre Dekadenz

Hinzu kommt, dass etliche durchaus sinnvolle Aktionen in ihrer Wirkung verpuffen, weil die Nachhaltigkeit fehlt. Vieles geht nur im Moment auf. Küssen vor der russischen Botschaft, anschließend feiern, am nächsten Morgen die Medien checken, ob – hoffentlich – positiv berichtet worden ist, abgehakt. Wichtige Proteste haben so keinerlei Kontinuität, und „Greenpeace“, aber auch „Enough is enough!“, machen es uns doch vor, dass es auch anders geht. Wir aber setzen weite Teile unserer Energie für Jubeltänze frei, wenn ein Ex-Fußballstar sein Coming-out hat oder aber wir fallen verzückt in Ohnmacht, wenn eine Wurst singt. Derweil wird auf LGBT-Seiten in den sozialen Netzwerken quasi im Minutentakt gezetert, gespuckt und genölt, dass die Schwarte kracht, man gewinnt den Eindruck, manche LGBT-Menschen haben beim Einloggen ihren Verstand am Internetportal abgegeben. Wir brauchen also weniger Regenbogengeblubber und mehr engagierte und auf Dauer angelegte Initiativen, wobei hier weniger mehr sein darf! Die diskriminierten, geschundenen und angsterfüllten Homo- und Transsexuellen in Russland, Afrika und anderswo bedürfen unserer wahrhaftigen Solidarität und unserer tatkräftigen Unterstützung. Wir aber umhüllen uns mit einer elitären Dekadenz, leiden am laufenden Bande auf hohem Niveau und versündigen uns so an diesen Freundinnen und Freunden in Russland, Afrika und anderswo, die kein Sommerloch kennen und sicher arg verwundert wären, wenn sie mitbekämen, dass wir uns um Regenbogenflaggen vor Ämtern und Behörden kümmern. Wir müssen also umdenken. Sofort!

Holger Doetsch

Holger Doetsch ist Bankkaufmann, Redakteur und Autor verschiedener Bücher, unter anderem „Elysander“ und „Ein lebendiger Tag“. Im Journalismus kennt er alle Seiten des Tischs, er publiziert in mehreren Zeitungen und Onlinemedien, war Pressesprecher (u. a. in der letzten DDR-Regierung) und unterrichtet seit 1995 Journalismus, PR sowie Rhetorik an verschiedenen Hochschulen.

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