© Jezebel Parker /CC-BY-SA 2.0 (via Wikimedia Commons)
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Schwule und Suizid – eine Reportage

Schwule und Suizid – junge Schwule begehen vier bis siebenmal so häufig Suizid wie ihre heterosexuellen Zeitgenossen. Auch André hat versucht, aus dem Leben zu scheiden. Eine Reportage als Erklärungsversuch.

Die Scham als Grund

Wer zum ersten Mal im beschaulichen Mecklenburg-Vorpommern von einem Ort zum anderen reist, der wundert sich. Kilometer um Kilometer lässt sich keine menschliche Behausung entdecken, es ist – je nach Jahreszeit – nur grün, grün, grün oder grau, grau, grau. Und kaum hat man ein Ortsschild passiert, liegt der Ort schon wieder hinter einem. Dörfer, die nicht mal mehr eine Kneipe oder einen Tante-Emma-Laden haben und wo man verloren ist, wenn man kein Auto hat. In solch einem Ort lebt André (22). Er heißt nicht wirklich so, die Fotos in diesem Beitrag zeigen nicht ihn, seinen Namen musste der Autor verfälschen, denn er schämt sich. Er schämt sich, über seine Homosexualität zu reden. Er schämt sich, dass er schwul ist. Er schämt sich für den Sex und er schämt sich für seinen Suizidversuch, der nun etwas über ein Jahr her ist. Und weil ihn die Scham über alles das zu erdrücken droht, muss der Journalist ihm gar schwören, dass er alles das, was er in der Reportage beschreibt, möglichst so verfälscht, dass nichts in seinem Umfeld mehr zu erkennen ist. Am wenigstens er selbst.

Schwules Selbstbewusstsein? Fehlanzeige!

Schwule Männer, so meint man, können inzwischen selbstbewusst, ja stolz gar durchs Leben gehen. Wir hatten eine schwulen Außenminister, haben schwule Hauptstadtbürgermeister, und in fast jeder hirnaufweichenden Endlosfernsehserie schwuchtelt mindestens ein Quotenhomo rum. Selbst CDU/CSU haben inzwischen eine Homoarbeitsgemeinschaft, und das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL breitete sich einmal auf fast acht (!) Seiten über Homosexualität in Deutschland aus. Überschrift: „Die besseren Männer“. Ohne Fragezeichen, wohlgemerkt. Alles das aber erreicht André überhaupt nicht. Er weiß das alles, aber es erreicht ihn nicht, weil der das Gefühl hat, dass ihn das alles überhaupt nichts angeht. Dabei hat der Autor André an einem Ort kennengelernt, der typischer nicht sein könnte für einen schwulen Mann: In der Cruising-Area im Rostocker Stadtpark.

Ein Selbsttötungsversuch ging schief

Irgendwie geduckt stand er da an der Mauer, dieser junge Mann mit einem hübschen, fein geschnittenen Gesicht und den blonden, halblangen Haaren. Ein feuchter Traum aus einem Skaterfilm. Cruising-Areale sind zwar nie ein Ort des lebendigen und lockeren Miteinanders, aber alles an André schien da noch verkrampfter zu sein als bei den anderen Männern, die dort auf der Suche nach dem sexuellen Kick sind. Ein Verkrampft-Sein, das sich dann später im Hotelzimmer fortsetzte, und da meinte André dann zum ersten Mal, dass er sich schämt. Eine Scham dies, die mit einer derart ungeheuerlichen Macht Besitz von ihm ergreift, dass er vor einem halben Jahr sein Leben weggeben wollte. Er mietete sich in Schwerin in einem Hotel gegenüber dem Bahnhof ein und nahm Tabletten. Zu wenig Tabletten, er wachte „mit höllischen Kopfschmerzen“ wieder auf – der Klassiker unter den schiefgegangenen Suizidversuchen: „Zwei Tage lang war ich dann wie gelähmt“, sagte André über diese Zeit. Und: „Es waren die schrecklichsten Tage meines Lebens.“

Fortsetzung auf Seite 2 / 3

Written by Holger Doetsch

Holger Doetsch ist Bankkaufmann, Redakteur und Autor verschiedener Bücher, unter anderem "Elysander" und "Ein lebendiger Tag". Im Journalismus kennt er alle Seiten des Tischs, er publiziert in mehreren Zeitungen und Onlinemedien, war Pressesprecher (u. a. in der letzten DDR-Regierung) und unterrichtet seit 1995 Journalismus, PR sowie Rhetorik an verschiedenen Hochschulen.

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