Was ist Homosexualität?

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Was ist Homosexualität? Nicht wenige Nutzer dieses Mediums werden diese Frage vielleicht ein wenig absurd finden, weil sie es ja ohnehin zu wissen glauben. Doch wissen wir wirklich? Es gibt ein neues Buch, das der Frage wissenschaftlich auf den Grund geht, ohne dabei trocken zu sein. Und wer es liest, wird feststellen, dass sie und er eigentlich wenig wissen…

Hat Homosexualität eine Zukunft?

Erschienen ist „Was ist Homosexualität? Forschungsgeschichte, gesellschaftliche Entwicklungen und Perspektiven“ jetzt im kleinen und feinen „Männerschwarm Verlag“ in Hamburg, und das Buch räumt wissenschaftlich fundiert mit der plumpen Ansicht auf, dass Homosexualität einfach nur das Gegenteil von Heterosexualität sei. Florian Mildenberger, neben Jennifer Evans, Rüdiger Lautmann und Jakob Pastötter Herausgeber von „Was ist Homosexualität!“, führt gelungen in das 576-seitige Werk ein, indem er bereits auf der ersten Seite kritisch hinterfragt, wie denn die Zukunft der Homosexualität aussehen könnte, da die Abgrenzungen heute doch verschwommener seien und „neue Begrifflichkeiten hinzugetreten“ sind, was der Wiener Professor für Sozialgeschichte Franz X. Eder in seinem Beitrag in verschiedene Queerismen diversifiziert: Inversion, Hermaphroditismus, Bisexualität, Freundschaft, Queer, man könnte hier auch Trans* nennen. Was also bedeutet es, „wenn die sexuellen Rollen nicht mehr eindeutig sind, Begriffe zu Worthülsen werden?“ will Mildenberger in seinem Geleit weiter wissen, und „Was ist Homosexualität?“ klärt diese Fragen auf eine geradezu ausgezeichnete Art und Weise, wobei, dies sei schon am Anfang dieser Rezension bemerkt, das Kapitel „Homosexualität und Aids“ von Lukas Engelmann schier brillant ist. Selten wurde eine solch komplexe Thematik so komprimiert und verständlich erläutert, Chapeau!

Homosexualität lässt sich nicht auf Sexualakte beschränken

Neben Lukas Engelmann haben sage und schreibe sechsundzwanzig weitere Autorinnen und Autoren – von Volker Woltersdorff über Thomas K. Gugler und Sylvia Mieszkowski bis hin zu Peter Rehberg und Bradley Boovy – ihren Beitrag zu „Was ist Homosexualität?“ geleistet. Sie beschäftigen sich mit Themen wie „Homosexualität und Aids“, „Homosexuality and Philosophy“, „Homosexualität und Kunstgeschichte“ sowie – dies übrigens überaus souverän – auch mit der „Heterosexualität“ (Heiko Stoff). Etwas sperrig wird es in Kapiteln wie „Stigma, Sex und Subkultur. Zur soziologischen Beobachtung von Homosexualität“ (Thorsten Benkel), aber – mal abgesehen davon, dass es sich hier nicht um einen Schmöker zum Einschlafen handelt – achten auch bei solchen tiefgreifenden Betrachtungen die Autoren auf Verständlichkeit. Der bereits erwähnte Franz X. Eder schreibt trefflich, Homosexualität sei nicht mit einem einzelnen Begriff zu fassen, denn wer „heute von Homosexualität spricht, meint nicht nur stattgefundene gleichgeschlechtliche Sexualakte, sondern auch die ihnen Sinn und Bedeutung gebenden kulturellen Zuschreibungen, insbesondere solche, welche die Selbstsicht der Akteurinnen und Akteure und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung bestimmen.“ In seinem zutreffenden Fazit stellt Eder dann fest, dass im historischen Rückblick es sich zeige, „dass es sich bei den Homo-, Hetero-, Bi- und anderen Sexualitäten um Begehrensformen handelt, die nur aus der jeweiligen Zeit heraus verstanden und mit Sinn sowie Bedeutung versehen werden können.“ Da macht es einfach Spaß, wenn frühere Aussagen den heutigen entgegengestellt werden und sie dabei eins werden, etwa im Beitrag „Okzidentale Homonormativität und nichtwestliche Kulturen“, das eingeleitet wird mit einem Geleitwort von Magnus Hirschfeld aus dem Jahre 1929: „Man muss sich stets sagen, dass eben für den Orientalen die körperliche Liebesbetätigung im Mittelpunkt all seiner Gedanken und Wünsche steht.“ 2006, satte 76 Jahre also, meinte Ze’evi: „Aus unserer Perspektive erscheinen die vormodernen Sexualdiskurse im Mittleren Osten überraschend offen und freimütig. Uns erinnern sie eher an zeitgenössische Fernsehserien wie Will und Grace oder Sex and the City.“ Same same, but different… Überhaupt gehört dieses Kapitel von Thomas K. Gugler, das mit einer ach so schweren Überschrift versehen worden ist, zu den schönsten dieses Buches, weil es immer wieder wunderbare Ausflüge in die orientalische Literatur unternimmt, wo selbst der Knutschfleck eine Huldigung erfährt.

„Was ist Homosexualität?“ sollte in keiner Bibliothek fehlen!

„Was ist Homosexualität?“ darf in der Bibliothek von Menschen, die sich für dieses Thema interessieren, nicht fehlen, zumal der wissenschaftliche Anspruch, man achte da nur auf die ausgezeichnete Quellenarbeit – die Literaturverzeichnisse und Internetquellen wurden erfreulicherweise jedem einzelnen Kapitel gesondert angehängt – enorm ist. Dem Hamburger „Männerschwarm Verlag“ ist also ein großer Wurf gelungen, dies übrigens auch deshalb, weil man bisher – fälschlicherweise, siehe die Einleitung – gedacht hat, zu diesem Thema sei doch nun wirklich alles gesagt. Einzig ärgerlich ist, dass etliche Beiträge in diesem Buch, das zweifellos zu einem Standardwerk der Sexualität werden wird, über weite Teile auf englisch veröffentlicht wurden. Auch die „Abstracts“ vor den deutschen Texten sind unnötigerweise auf Englisch verfasst. Wissenschaftliche Texte auf englisch – das werden sich etliche Rezipienten nicht antun, was schade wäre.

„Was ist Homosexualität? Forschungsgeschichte, gesellschaftliche Entwicklungen und Perspektiven“, 1. Auflage 2014, 576 Seiten, 44 Euro.
ISBN der Print-Ausgabe: 978-3-86300-163-6 bzw. ISBN der Ebook-Ausgabe: 978-3-86300-175-9.
Männerschwarm Verlag in Hamburg, www.maennerschwarm.de.

Erhältlich auch im „Eisenherz Buchladen“ in Berlin, Motzstr. 23. www.prinz-eisenherz.com / prinz-eisenherz@t-online.de (Tel.: 030-3139936

Bild: © lovemystarfire (via deviantArt).

Holger Doetsch

Holger Doetsch ist Bankkaufmann, Redakteur und Autor verschiedener Bücher, unter anderem „Elysander“ und „Ein lebendiger Tag“. Im Journalismus kennt er alle Seiten des Tischs, er publiziert in mehreren Zeitungen und Onlinemedien, war Pressesprecher (u. a. in der letzten DDR-Regierung) und unterrichtet seit 1995 Journalismus, PR sowie Rhetorik an verschiedenen Hochschulen.

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