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USA-Kolumne: Die Sache mit der Politik


In der Politik kann ich mich nur an drei Personen erinnern, mit denen ich in gewisser Weise “aufgewachsen” war. Da gab es zuerst Bundeskanzler Kohl. Er war jetzt nicht besonders attraktiv oder aufregend. Aber das Leben in der Republik hatte er wie kein anderer während der Wende geprägt.

Dann war da noch der Hannoveraner Gerhard Schröder, der aus meiner Studienstadt kam. Ich werde nie vergessen, als sich der Politiker in die Wirtschaft einmischte und den Mitarbeitern von Philipp Holzmann 1997 versprach, dass sie alle ihre Jobs behalten und das Geld für Weihnachtsgeschenke bekommen würden. 1999 war der Konzern dann dennoch pleite. 

Und dann kam Super-Merkel 2005 an die Macht. Und die Merkel blieb und blieb und blieb, was sicherlich jeden Wahlkampf in Deutschland immer langweiliger erschienen ließ. Auch wenn es in diesen Jahren immer mehr Rechte für uns Schwule gab. Aber auch wenn es viele nicht wahrhaben wollten, war das sicherlich auch eine Bewegung, die mehr im Ausland vorangetrieben wurde. 

Diskriminierung, Homo Ehe und Adoption

Gerade in den USA wurden Themen wie Diskriminierung, Homo Ehe und Adoption und absolute Gleichstellung schon sehr früh diskutiert. Aber während schwule Männer wie ich heute stolze Väter von Kindern sind, bleibt die Leihmutterschaft nach wie vor in Deutschland und vielen anderen Ländern gesetzlich verboten. 

Ich muss gestehen, dass ich früher sicherlich zu der Gruppen von Wählern gehörte, die ihrer Partei treu blieben und ansonsten sich eher wenig für die Politik interessierten. Das war aber auch in einer Zeit, in der es in Deutschland noch nicht so akzeptiert war, vom anderen Ufer zu sein. Auch eine Zeit in der es noch den Paragrafen 175 gab, der uns allen noch lange in Erinnerung bleiben sollte. Und was die Parteien anging, gab es in erster Linie die CDU und SPD. Von der FDP sprachen die Leute eher selten und die Grünen wurden damals noch belächelt. 

Joe Biden und Donald Trump

Im Jahre 2020 sieht das alles ganz anders aus und die Leute blicken den Wahlen in den USA gespannt entgegen, wo sich Joe Biden und Donald Trump einen erbitterten Wahlkampf liefern, der sicher ein wenig an Schlammschlacht erinnert. Das war schon 2016 so, als Hillary Clinton und Trump um das Amt kämpften und einige Deutsche meinten, dass die Politik in Deutschland spannender sein sollte. Immer nur diese Merkel…. Aber als Trump dann auch noch an die Macht kam, hieß es schnell, dass so ein Extremist in Good Old Germany keine Chance haben würde. 

Aber stimmt das tatsächlich, nachdem die AFD immer mehr Wahlstimmen kassierte und irgendwann in die Regierung mit ihren rechts extremen Ansichten einzog? Ich darf in diesem Jahr auch zum ersten Mal als “neuer” Amerikaner meine Wahlstimme abgeben. Und ich wünsche mir, dass dieser Wahlkampf weniger “entspannter” sein würde, nachdem ich auf meiner Facebook Seite am Wochenende “Biden 2020” postete und sofort einen Hass Kommentar kassierte. Interessanterweise kam dieser von einem dieser Trump Supporter, die in der Öffentlichkeit niemals zugeben würden, dass sie Trump wählen, was sicherlich auch das Verhalten vieler AFD Wähler widerspiegelt. 

Der seitdem geblockte User ist ein eher unscheinbarer langweilier weisser Familienvater von drei Kindern, mit langweiligem Job und nettem Häuschen. 2010 hatte er mir noch stolz auf die Schulter geklopft und mich auf der Abschlussfeier unserer Business School als den erfolgreichsten Absolventen unseres Kurses bezeichnet. 

10 Jahre später beschimpfte er Biden und auch mich selbst auf das übelste. Was Donald Trump sicherlich stolz gemacht hätte und meinte, ich hätte mich gerade mit meinem MBA besser informieren sollen und könnte nicht jemanden wie Biden unterstützen. Soviel zum Thema Wahl- und Meinungsfreiheit… Aber geht es nicht gerade um die sogenannte Freiheit, was den momentanen Wahlkampf in Amerika angeht? 

Joe Biden und Barack Obama

Die Schwulen Gemeinde hat gerade Joe Biden und natürlich Barack Obama sehr viel zu verdanken, der sich während seiner Zeit aktiv für uns eingesetzt hat. Als ich mein neues Buch Stonewall 1969 in diesem Jahr veröffentlichte, wurde der beliebte Barack Obama nicht umsonst mehrmals erwähnt, der für die Homo Ehe und andere Rechte für die Community gekämpft hatte. 

Amerika ist seit Trump`s Wahlsieg im Jahre 2016 zu einem Land geworden, das alles andere als vereint ist. Es gibt immer mehr Hate Crimes gegenüber Schwulen und Transgenders und anderen Mitgliedern der LGBTQ Community und wenn “Mann” in der Weltstadt New York am World Gay Pride Day in 2020 ein T-Shirt mit Regenbogen Farben in Chelsea in Manhattan trug, dann kann es schon zu einer Attacke gekommen sein. 

ABER was die Politik in den USA so interessant macht, ist, dass viele Mitglieder der LGBTQ Community gegen den Hass, den Donald Trump und seine Regierung verstreut hat, ankämpfen und selbst in die Regierung einziehen. So gab es 2018 einen absoluten Rekord, was die Anzahl der über 400 LGBTQ Kandidaten anging. Von denen über 150 die Wahlen für politische Ämter für sich entscheiden konnten und seitdem auf diese Art und Weise Einfluss auf die Politik nehmen. 

Die LGBT-Politik nach dem 3. November

Für die LGBTQ Community steht am 3. November 2020 jedoch auch weiterhin sehr viel auf dem Spiel. Da hat die Trump Regierung bereits in den letzten 4 Jahren davor gesorgt. Uns werden immer mehr Rechte wieder aberkannt. Erst vor wenigen Monaten hatte Trump sich erfolglos beim Surpreme Court dafür eingesetzt, dass LGBTQ Mitglieder keinen Schutz vor Diskriminierung verdienen. Dank Trump sind Transgenders im Militär wieder unerwünscht und wenn es nach den Trumpsters ginge, dann wird es auch für uns Schwule bald keine Ehe mehr geben, während Joe Biden auch weiterhin für die absolute Gleichstellung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgenders, Bisexuellen und Queers kämpft. 

Biden, dessen erste Ehefrau und Tochter bei einem Autounfall ums Leben kamen und der jahrelang wie ich auch alleinerziehender Vater war und jeden Abend zu seinen Söhnen nach Hause fuhr, während er seine Karriere in Washington aufbaute, wird von vielen Amerikanern trotz seines hohen Alters als eine Art Retter angesehen, der die Nation wieder zusammenbringen kann. 

Interessanterweise haben so viele Amerikaner wie noch nie bereits in dieser Woche ihre Stimmen abgegeben. Die Wahlen in den USA bleiben weiterhin spannend.


Written by Derek Meyer

Derek Meyer wird im Rahmen einer Artikel Serie über das Leben in New York schreiben. Er hatte bereits in seinem Debüt Roman „Coming Out in New York“ die Auf und Abs des Lebens in der New Yorker Gay Szene beschrieben und meldete sich knapp 2 Jahre später mit seinem zweiten Buch „Baby, Fame & Inspiration“ zurück. Beide Bücher sind auf www.tredition.de und Amazon erhältlich.

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