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Das Konsumverhalten geschlechtsreifer Szenegänger in der Großstadt

Die Frage, ob Schwule schwule Läden durch den Kauf ihrer Produkte unterstützen sollten, dies quasi als ein konkreter Ausdruck gelebter Community, ist nicht neu. Beantwortet wird diese Frage indes stets konträr, und die Problematik wird immer

dann zum Thema, wenn ein schwuler Laden pleite geht. Zumal, wenn es sich nicht um irgendeine mies bewirtschaftete Klitsche an der Ecke handelt, sondern um eine bekannte Gay-Institution wie vor einigen Jahren der schwule Buchladen „Max und Milian“ in München. Das war eine Art kultureller Gay-Leuchtturm, der nicht aufgeben musste, weil es falsche unternehmerische Entscheidungen gegeben hätte, sondern weil immer weniger Homosexuelle den Weg in das Geschäft mitten im Glockenbachviertel, das zugleich das Epizentrum der Münchner Schwulen ist, gefunden haben. Gleichwohl war das schwule Entsetzen groß, als die Insolvenz bekannt wurde.

„Buy gay!“ lautete in Amerika in den 80er Jahren ein geflügeltes Wort. Geld aus der Community sollte in der Community verbleiben. Ähnlich wird es bis heute in Frankreich gehandhabt, doch in Deutschland scheint das alles kein Thema zu sein. Hierzulande geht es nicht um Solidarität, sondern es geht um „billig“ und „bequem“. Schlagworte, die im Zuge der Recherchen zu diesem Beitrag immer wieder fielen.

Andere wiederum betrachten das Thema etwas intellektueller: „Wenn wir nur in schwulen Läden einkaufen würden, dann separieren wir uns doch nur weiter selbst!“ Das erkennt man selbst im schwulen Buchladen „Eisenherz“ in Berlin: „Wir wollen nicht so sehr ein schwul-lesbischer, sondern eher ein guter Buchladen sein. Wir setzen nicht auf die Solidaritätskarte“, betont Roland, der einer der Eigentümer ist, und setzt dann noch eins drauf: „Es geht darum, dass unsere Kunden unser Sortiment schätzen und uns dabei als Bereicherung innerhalb der Community empfinden!“

Während manche schwule Buchläden massive Probleme haben, sieht es bei queeren Dienstleistungen von der Akzeptanz her besser aus. Beliebt sind Ratgeber im Netz, aber auch Printprodukte wie in Berlin der „Kompass“: „Wenn ich einen Arzt brauche, will ich einen schwulen Arzt. Und ich gehe auch lieber in Restaurants essen, wo die Regenbogenfahne draußen hängt“, bringt Paul (30) sein Konsumverhalten auf den Punkt. Aber „billig“, billig müsse das Restaurant schon sein. Und – natürlich – „gut und in der Nähe“.

Doch wird der Wind rauer. So erkennen Eigentümer schwuler Läden in den großen Städten eine gewisse „Konsumsättigung“ der Homosexuellen. In ländlichen Regionen aber und in Städten wie etwa Magdeburg oder Lübeck spiele das Thema „Gay und Konsum“ eine andere, eine übergeordnete Rolle. Dort nämlich wäre man froh, wenn es mehr gayfreundliche Läden geben würde.

Erkannt wird von fast allen Befragten, dass die großen Buchhandelsketten ein nur unzureichendes Angebot an guter Gay-Literatur haben. Auch glaubt kaum jemand, dass die Verkäufer dort die schwulen und lesbischen Bücher, die sie in ihrem Sortiment führen, auch gelesen haben und somit in der Lage wären, sie bewerten zu können. Isabell (37) betont: „Klar hab ich keine Lust, bei ‚Thalia‘ blöd angeguckt zu werden, wenn ich nach lesbischer Literatur frage.“ Und sie fährt fort: „Überhaupt will ich durch einen Laden schlendern, den ich als unseren Laden wahrnehme und wo ich unter meinesgleichen sein, mich irgendwie festhalten kann.“

Eine gewisse Ratlosigkeit herrscht in den schwul-lesbischen Buchläden selbst: „Wir stehen vor dem Dilemma, dass wir einerseits davon überzeugt sind, dass Läden wie unserer notwendig sind, gleichzeitig aber die Solidarität zunehmend verschwindet“, sagt Hans-Jürgen vom Hamburger Buchladen „Männerschwarm“. Antworten darauf könnte er in der Jugendgruppe im Berliner „Sonntags-Club“ finden. Dort hat keiner je von einem Buchladen wie dem „Eisenherz“ gehört. Und: „Ich bin halt kiezfaul!“, sagt der 20-jährige Yannick und meint damit, dass er gar nicht auf die Idee kommt, für den Kauf eines Buches seine Bude zu verlassen: „Wenn ich ein Buch brauche, dann bestell ich das im Internet!“. Immerhin, denn Christian (19) bemerkt daraufhin ganz lapidar: „Ich lese sowieso keine Bücher!“

Insofern handelt es sich hier wohl nicht nur um die Frage, inwieweit Community und Konsum zusammenhängen, sondern was Homosexuellen heute überhaupt noch wichtig ist. Der Hinweis allerdings, dass schwul-lesbische Buchläden eine für die Szene wichtige Geschichte haben – im „Eisenherz“ etwa entstand die Idee des kostenlosen Gay-Magazins „Siegessäule“, und hier wurde auch der erste „Teddy Award“ verliehen – laufen da genauso ins Leere wie der Hinweis auf schwule Buchläden als Infoläden und Diskussionsforen. In der Festschrift zum 20. Geburtstag des „Männerschwarm“-Verlags wurde trotzig betont: „Der Grundsatz, sämtliche Aspekte schwuler Kultur zu sammeln, unabhängig davon, ob sie einem gefällt oder nicht, ist bis heute für uns maßgeblich.“

Text: doe
Bild: slo
Erste Veröffentlichung 4. Januar 2013

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