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Sind Schwule homophob?

Der spannenden Frage »Sind Schwule homophob?« widmete sich jüngst der »Psychologie aktuell«-Autor Helge Huffstodt Elleser, M.A. in einem Beitrag der »Huffington Post«. Nun darf man von einem in der Psychologie wahrscheinlich nicht ganz unbeschlagenen Menschen, vor allem wenn er auch noch »Ressortleiter Wissen« ist, erwarten, dass er sein Handwerk versteht. Aber schon mit der Aussage »Natürlich gibt es hierzulande kaum offen geäußerte Homophobie mehr, doch verschwunden ist sie nicht.« schießt er deutlich am Ziel vorbei. Zu sehr hallen uns noch der Tötungsaufruf aus den sozialen Netzwerken und die steten Verunglimpfungen durch (nicht nur) die katholische Kirche in den Ohren; zu sehr leiden wir mit schwulen oder lesbischen Pärchen, die auf offener Straße angepöbelt und zusammengeschlagen werden. Diese Liste ließe sich – leider! – endlos fortführen. Aber wie gesagt: »Natürlich gibt es hierzulande keine offen geäußerte Homophobie mehr.« Lieber Magister Artium Elleser – in welcher Welt, in welchem »Hierzu-Lande« leben Sie?

Achtung: Sekundärhomophobie

Tatsächlich lässt sich aber eine Art »Sekundärhomophobie« auch unter Schwulen nicht leugnen. ›Nur nicht auffallen‹, heißt oft die Devise; und das, was man sich selbst nicht zugesteht, wird auch anderen nicht gegönnt. Man muss dazu nicht einmal, wie ein früher recht bekannter schwuler Journalist, einen katholischen Hintergrund haben – aber es hilft natürlich ungemein. Doch dieses Phänomen gibt es quer durch alle Berufe, Schichten und Altersgruppen. Als ich anlässlich einer geplanten Lesung in einer Jugendstrafanstalt im Vorfeld die Lehrerin fragte, ob denn auch Schwule unter den Insassen seien, antwortete sie salomonisch: »Genau so viel wie in der Fußball-Bundesliga.«

Thomas Hitzlsperger

Da sind wir doch gleich beim Thema: Wie war das noch bei Thomas Hitzlsperger? Von den Medien geliebt und für seinen Mut gelobt, sich trotz seiner exponierten Stellung als früherer Nationalspieler zu seiner Homosexualität bekannt zu haben (ich hasse diese Formulierung!), sah sich der Fußballer mit dem Wunsch des damaligen Chefs der jetzt in der Petry-Schale verglühenden AfD, Bernd Lucke, konfrontiert, er hätte es lieber gesehen, wenn Hitzlsperger »sein Bekenntnis zu seiner Homosexualität verbunden [hätte] mit einem Bekenntnis dazu, dass Ehe und Familie für unsere Gesellschaft konstitutiv sind«. Und aus schwulen Reihen kam die Kritik, es wäre für ihn ja ein Leichtes gewesen, sich nach Abschluss der Karriere zu outen, als sich potenziellen Anfeindungen von Teamkameraden (siehe die Angst des Ex-Nationaltorhüters Jens Lehmann, »von einem homosexuellen Mann in der Dusche angefallen zu werden« – 11 Freunde, 27.01.2014) oder pöbelnden Zuschauern während der hochbezahlten Tätigkeit zu stellen.

Gerade Sportlern, deren Karriere zeitlich auf wenige, aber oft gut bezahlte Jahre, beschränkt ist, wird ein solches Verhalten übel genommen. Offensichtlich sehen sich die »normalen« Homosexuellen als etwas Besseres, als Vorbild, weil sie am Anfang oder mitten im Leben oder Berufsleben ihr Coming-Out haben, sich den Reaktionen darauf stellen müssen und darauf dann auch stolz sein dürfen. Diesen Stolz, diesen Mut will ich niemandem absprechen – ich erinnere mich nur zu ungerne an meine eigene damalige Situation – denn das Coming-Out ist und bleibt selbst heute immer noch ein mutiger Schritt in die Öffentlichkeit. Obwohl der eben zitierte Bernd Lucke über Hitzlsperger auch sagte, dass er »zwölf Jahre nach Wowereit keinen besonderen Mut mehr darin erkenne, sich zu seiner sexuellen Orientierung zu bekennen«. Was weiß denn der vom Coming-Out …?

Homophobie am Arbeitsplatz?

Und am Arbeitsplatz? Diversity hin, Gleichstellungsbeauftragte her – ein Witzchen über Schwule oder Lesben verbessert die Stimmung allemal, denn darüber sind sich alle Mitarbeiter einig: Solange sich am Arbeitsplatz niemand als homosexuell outet, gibt es dort auch keine Homosexuellen. Aber wenn es eine(r) tut, wird gerne darauf verwiesen, man habe ja nichts gegen Homosexuelle, aber … nur er oder sie möge das bitte nur zu Hause und nicht am Arbeitsplatz, am besten aber überhaupt nicht offen zeigen.

Mit diesem Konflikt kommen viele Homosexuelle in der Arbeitswelt nicht zurecht. Aus reinen Versagensängsten – sei es bei der Anerkennung der Arbeitsleistung oder im sozialen Gefüge – wird nur all zu oft eine Alibi-Biographie erfunden, mit Hilfe derer dann z. B. über Wochenend- und Urlaubsaktivitäten gefahrlos berichtet werden kann. Und damit steht der betroffene Homosexuelle auf derselben Stufe wie der Bundesligaspieler, der sich hinter einer Alibifreundin oder sogar Alibi-Ehefrau versteckt.

Jeder, der seine sexuelle Orientierung, zumeist aus Angst, im Schrank lässt, verleugnet sich selbst. Das führt schnell zu Selbsthass, aus dem fast zwangsläufig Homophobie erwächst. Irgendwann ist es nicht mehr die eigene Angst, sondern der Neid auf die, die es geschafft haben, zu sich selbst zu stehen. Und die den Mut haben, sich auch gegen die unflätigsten Äußerungen der Umgebung zur Wehr zu setzen.

Das Schaf frisst sich selbst

Homophobie hat immer etwas mit Verstecken und Verleugnen zu tun. Der homophobe Schwule ist sein eigener Judas; er verrät sich in seiner Ohnmacht selbst an die Maßstäbe der Gesellschaft – oder was er für deren Maßstäbe hält. Helge Huffstodt Elleser, und da kann man ihm wohl zustimmen, kommt zu dem Schluss, dass der Verrat der eigenen Interessen ein Überlebensmechanismus aus der Urzeit ist, als man sich dem Rudel, der Horde lieber unterordnete, als sich dagegen zu stellen und einen Ausschluss befürchten zu müssen. Das Schaf heult mit den Wölfen und ist sogar bereit, sich selbst zu fressen, nur um nicht als Schaf erkannt zu werden. An diesem Konflikt sind nicht wenig Homosexuelle zugrunde gegangen und tun es noch heute.

Und dann kommen die homophoben heterosexuellen Besserwisser und behaupten, dass man als Homosexueller stärker suizidgefährdet sei.

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Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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