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Tschetschenien: Jagd auf Schwule

Die führende russische Oppositionszeitung »Novaya Gazeta« berichtete am vergangenen Samstag von der Verschleppung und Ermordung schwuler Männer in Tschetschenien durch die lokalen Behörden. Der Grund dafür sei die »nichttraditionelle sexuelle Orientierung« der Opfer; manchmal genüge alleine schon der Verdacht.

Der Bericht beruft sich auf russische Strafverfolgungsbeamten, die die örtlichen Behörden verantwortlich machten. Mittlerweile sei die Zahl der Fälle auf über hundert angestiegen, es habe bereits drei Todesopfer gegeben: »Zuerst verschwanden zwei Fernsehreporter. Dann fehlte ein Kellner.

In der vergangenen Woche sind Männer im Alter von 16 bis 50 Jahren aus den Straßen von Tschetschenien verschwunden«, schreibt die New York Times gestern. Bestätigt wurde bislang nichts, aber die Indizien häufen sich, sagt die russische Menschenrechtsaktivistin Ekaterina L. Sokiryanskaya.

Es gibt keine Schwulen in Tschetschenien

Homosexualität wird in der autonomen russischen Teilrepublik, wie in vielen ismlamischen Ländern, mit der Todesstrafe bedroht. Deshalb gibt es Schwule für offizielle Stellen überhaupt nicht. Ein Sprecher des tschetschenischen Präsidenten Ramzan A. Kadyrov wird mit den Worten zitiert, man könne Leute, die in der Republik gar nicht existierten, nicht verhaften oder unterdrücken.

Denn wenn sie existieren würden, hätten ihre Familien sie schon längst dorthin geschickt, von wo sie niemals zurückkehrten. Daher enthielte der Artikel der »Novaya Gazeta« ausschließlich Lügen und gezielte Desinformation.

1996 erklärte das tschetschenische Parlament den Islam zur Staatsreligion, was zur Unterdrückung und dem Verbot anderer Kultureinflüsse führte; bereits für kleine Delikte wurde die Todesstrafe verhängt. Unter »Homosexualität« wird alles zusammengefasst, das nicht dem traditionell-konservativen heterosexuellen Prinzip entspricht.

Um sich strafbar zu machen, muss der schwule Verkehr nicht einmal durchgeführt worden sein, es reicht bereits die Vermutung, dass er vollzogen werden könnte. Amnesty international berichtete bereits 1999 von den barbarischen Praktiken beim Vollzug der Todesstrafe für Schwule, insbesondere Steinigung und Enthauptung.

Die Steinigung ist in islamischen Ländern weit verbreitet: 1998 wurden drei afghanische Männer wegen angeblicher »Unzucht mit kleinen Jungen« hingerichtet, in dem man vor Tausenden von Zuschauern mittels eines Kampfpanzers eine Steinmauer auf sie stürzte. Im selben Jahr wurden in der Stadt Herat zwei der »Sodomie« angeklagte Männer im Stadion auf ähnliche Weise getötet – eine Planierraupe schob über beide eine Lehmmauer.

Gay Pride-Paraden als Anlass?

Die aktuellen Fälle in Tschetschenien hängen laut »Novaya Gazeta« mit der Beantragung der Homosexuellenbewegung GayRussia.ru zur Durchführung von Gay Pride-Paraden in vier Städten der überwiegend muslimischen Nordkaukasus-Region Russlands zusammen, zu der auch Tschetschenien gehört.

Dabei galt der Antrag überhaupt nicht für Tschetschenien, sondern für die ebenfalls muslimische Region Kabardino-Balkarien; GayRussia.ru wollte zudem Paraden in allen Teilen Russlands abhalten und mit den zu erwartenden Verboten und Beschränkungen vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg zu ziehen.

Bereits der Antrag in der Region Kabardino-Balkarien, der wie erwartet umgehend abschlägig beschieden wurde, hatte zu lautstarken homosexuellenfeindlichen Protesten geführt. In Tschetschenien, so schreibt die Zeitung weiter, habe es prophylaktische Säuberungen gegeben, die dem dann die tödliche Ausführung gefolgt sei. Die Daten zur Verhaftung und Verschleppung habe man den sozialen Netzwerken entnommen, in denen sich aber keiner der vermissten Männer öffentlich als schwul geoutet hatte.

Mittlerweile löschen tschetschenische Schwule ihre Online-Profile. Die »Novaya Gazeta« veröffentlichte Kontaktinformationen für alle jenen Männer, die Tschetschenien in Richtung etwas toleranterer russischer Gegenden verlassen wollen.

Es sei aber schwer, ungeoutete Schwule in der abgelegenen Gebirgsregion zu erreichen, schreibt die Zeitung. Schon die Bereitstellung der Informationen, ergänzt Ekaterina L. Sokiryanskaya, sei ausgesprochen schwierig, da sich diese Männer so weit wie möglich aus der Öffentlichkeit zurückziehen würden, um der Verfolgung zu entgehen.

Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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