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Neue STI-Kampagne der BZgA: Aus »Mach’s mit« wird »Liebesleben«

Heute wurde in Berlin die neue Kampagne der Bundeszentrale zur gesundheitlichen Aufklärung (BZgA) zur Eindämmung von sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten vorgestellt: Aus der eindringlichen Empfehlung »Mach’s mit« – hier sind natürlich Kondome gemeint – wird das Label »Liebesleben«. Entgegen den Aussagen in der Pressemitteilung bleibt das altbekannte und seit 30 Jahren verwendete Label »Gib AIDS keine Chance« aber erhalten.

»Liebesleben« geht einen neuen Weg: Mit humorvollen Cartoons werden viele denkbare Situationen der Sexualität dargestellt: Orte wie ein Aufzug oder das Sofa vor dem Fernseher werden ebenso thematisiert wie der unverkrampfte Umgang mit hetero- und homosexuellen Motiven. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU): »Dank unserer Präventionsarbeit und der hochwertigen Behandlung in unserem Land haben wir im Kampf gegen HIV gute Fortschritte erzielt. Die Zahlen zeigen aber auch, dass diese Anstrengungen nicht nachlassen dürfen.« Die neue Kampagne ist Teil der aktuellen Strategie der Bundesregierung zur Eindämmung von HIV, Hepatitis und anderen sexuell übertragbaren Infektionen, die das Bundeskabinett am 6. April 2016 verabschiedet hat.Aktuell sind in Deutschland etwa 83.000 Menschen mit HIV infiziert, von denen aber geschätzte 70% durch die antiretrovirale Therapie nicht mehr ansteckend sind. Insofern kann man den Verzicht auf »Mach’s mit« natürlich auch so interpretieren, dass »Therapie als Schutz« endlich auch offiziell anerkannt ist. Auch wenn »Mach’s mit« beerdigt wurde: Natürlich liegt der Fokus der BZgA nach wie vor auf dem Schutz durch den Pariser und dem verantwortungsvollen Umgang mit STIs: »Benutzt Kondome« ist der eine Claim, »Ab zum Arzt« der andere.

In der Tat haben sich im Schatten der angeblich vorrangigen Bedrohung durch das HI-Virus andere Geschlechtskrankheiten wie Tripper, Hepatitis und Syphilis wieder nach vorne mogeln können; die Infektionsfälle steigen seit einigen Jahren kontinuierlich an. Auch wenn z.B. ein Tripper relativ leicht behandelbar ist, muss er ernst genommen werden. Genau darauf zielt die Kampagne: Symptome werden oft nicht erkannt oder falsch zugeordnet, Unkenntnis oder falsche Scham sorgen zudem noch dafür, dass keine rechtzeitige medizinische Abklärung stattfindet. Je früher eine STI erkannt wird, umso größer sind die Chancen, sie in den Griff zu bekommen.

Das gilt insbesondere für HIV. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass die Dunkelziffer an noch nicht erkannten HIV-Infektionen in Deutschland bei etwa 15.000 Personen liegt. Diese gefährden nicht nur sich selbst, sondern bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr auch ihre Partner.Man darf gespannt sein, ob sich »Liebesleben« tatsächlich im gewünschten Umfang auf das Liebesleben der Deutschen auswirkt. Besser wär’s. Hintergrundinformationen zu Kampagne und Themen sind unter www.liebesleben.de abrufbar, die Motive stehen unter www.bzga.de/liebesleben zum Download bereit. Auch soziale Medien wie Facebook und Twitter sind in die Kampagne eingebunden.

Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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