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Gays & Trump – oder: Ist mir doch egal, was mir passiert

»As a gay man I need to be honest and Donald Trump ist the answer to our countries’s problems«, wird ein anonym bleibender, noch recht jung aussehender Mann auf der US-amerikanischen App »Whisper« zitiert. Nun sollte man wissen, dass »Whisper« eine Art Boulevard-App des kleinen Mannes ist; hier darf jeder, der angemeldet ist, anonym Geheimnisse ausplaudern, lästern oder denunzieren.

Zwei Dinge fallen mir an diesem Zitat auf: Es erinnert in der Diktion fatal an »As a free man I take pride in the wordsIch bin ein Berliner‹« – jene Worte, mit denen John F. Kennedy in Zeiten des Kalten Kriegs die Sicherheit West-Berlins garantierte. Befinden wir uns schon wieder in einer Neuauflage dieses Konflikts – oder wird es ein »Warmer Krieg«: Schwule gegen ihre eigenen Rechte? Noch mehr stellt sich mir nämlich die Frage, warum es gerade für einen schwulen Mann so wichtig ist, ehrlich sein zu müssen (»need to be honest«). Reicht es nicht mehr aus, einfach nur ehrlich zu sein? Ist die Verpflichtung zur Ehrlichkeit an dieser Stelle ein Beweis für seine sonstige Unehrlichkeit – oder ist sie für ihn die einzige Chance, anerkannt zu werden? Anerkannt zu werden von einem politischen System, das ihn auch dann nicht anerkennen wird, wenn er es unterstützt?

Trump – Bertolt Brecht passt immer

Ob Donald Trump tatsächlich die Antwort auf Amerikas Probleme ist, darf stark bezweifelt werden. Immerhin scheint LGBITQ* ein großes Problem für die USA zu sein, sonst hätte der Präsidentschaftskandidat einer Partei, deren Repräsentanten sich in einer nicht zu verachtenden Zahl von ihm distanzieren, nicht schon vor der Wahl versprochen, den »First Amendment Defense Act« zu unterzeichnen, der jedem Amerikaner das Recht einräumt, aufgrund religiöser Grundsätze andersdenkende oder anderslebende Menschen zu diskriminieren, und es gleichzeitig der Regierung verbietet, dagegen einzuschreiten. Dieses Recht gilt tatsächlich für alle: für Arbeitgeber, Vermieter, Geschäftsleute genauso wie für medizinisches Personal. Es ist die Adaption eines bekannten deutschen Slogans aus dunkler Zeit. Hier heißt er: »Amerikaner, wehrt Euch! Verweigert Nicht-Heterosexuellen jeglichen Lebensunterhalt, jegliche Waren, jegliche Dienstleistung und jegliche medizinische Hilfe!« oder: »Amerikaner, wehrt Euch! Helft, dass diese Untermenschen verrotten.« Unter diesem Aspekt muss man bei dem oben erwähnten Statement unweigerlich wieder einmal an Brecht, die Kälber und die Schlächter denken.

Kann man noch schlechter denken? Ja – die Skala der Unbegreiflichkeiten ist nach oben offen. Weit offen. »As a gay Black man, all Of my friends hate that I support Trump.« Dieser »Whisper«-User verzichtet also lieber auf alle Freunde, nur um einen Präsidentschaftskandidaten ins Amt zu wählen, dem letztlich dieser Wähler wie auch alle seine Freunde herzlich egal sind. Da hilft es auch nicht, dass Donald Trump im letzten Sommer vorschlug, Einwanderer in einem ideologischen Test unter anderem auch auf ihre Einstellung zu LGBITQ* zu befragen; ein Test, den in seiner Gesamtheit sowohl Trump wie auch sein designierter Vize Mike Pence nicht bestehen würden, wie CNN im August 2016 feststellte: (http://edition.cnn.com/2016/08/16/opinions/trump-citizen-test-ghitis/).

Wer braucht schon eine Verfassung?

Bei Erika Steinbach hieß es »Wer schützt die Verfassung vor dem Verfassungsgericht?« Bei Trump klingt es so: »Wer braucht eine Verfassung, wer braucht Gesetze, wenn er mich als Präsidenten haben kann?«. Er hat schon oft durchblicken lassen, dass er nicht bereit ist, die Verfassung, die Gesetze oder die Entscheidungen des höchsten Bundesgerichts anzuerkennen bzw. alles daranzusetzen, sie rückgängig zu machen. Der von ihm vorgeschlagene Einwanderer-Test beweist es. Er umfasst u.a. Einstellungen zu verfassungsmäßig garantierten Rechten wie Religionsfreiheit (Trump plädiert für ein Einreiseverbot für Muslime), Pressefreiheit (Trump möchte kritische Journalisten aus dem Amt drängen), Rechtsstaatlichkeit (wie im 5. Zusatzartikel zur Verfassung gewährleistet, aber von Trump zur Diskussion gestellt), Gewaltenteilung (auch wenn er hier wieder zurückgerudert ist) und Gleichberechtigung. Im letzten Punkt verteidigt er u.a. die Rechte Nicht-Heterosexueller gegenüber Einwanderern, bekämpft sie aber im eigenen Land. Was will der Mann eigentlich?

Auf Facebook findet sich eine Seite »LGBTrump – Gays for Trump« mit über 4.000 Likes, auf der unter dem 23. Juli der Eintrag »It is time to leave identity politics in the past and look towards a future – a future in which America is First, Second, and Third! Americans – inlcuding LGBT Americans – are united for Trump!« zu finden ist. Das klingt verdächtig nach »Deutschland, Deutschland über alles« – was, wie bekannt sein dürfte, von Hoffmann von Fallersleben gar nicht so gemeint war, wie es später missbraucht wurde. Ganz aktuell wird Trump sogar als »smart« hofiert, weil er 18 Jahre lang keine Bundessteuern bezahlt hat. »Smart« daran sei, dass er 18 Jahre lang das korrupte Regierungs- und Finanzsystem eben nicht unterstützt hat. Trump als großer Korruptionsbekämpfer? Die Enthüllungen während des Wahlkampfes sprechen eine andere Sprache. Aber wer sie nicht verstehen will, versteht sie auch nicht. Die Verfassung garantiert das Recht auf Streben nach Glück, aber nicht das Recht auf Streben nach Bildung.

Lemmings International Inc.

Wer als schwuler Mann bei »Whisper« schreibt: »As a gay man the only presidential candidate I can support fully is Donald Trump«, der ist ebenso wie der Kandidat bereit, die aus der Verfassung von 1776 resultierende gesellschaftliche Idee der Vereinigten Staaten von Amerika mit Füßen zu treten. »Yes I am gay. Yes I support Trump. I refuse to support a criminal or a socialist.« Wer weder Verfassung noch Gesetze achtet, handelt kriminell. Wer die Verfassung des eigenen Landes außer Kraft setzen will, kann kein Demokrat sein. Das gilt für den Kandidaten wie auch alle seine Follower, mögen sie nun schwul sein oder nicht.

Wie kann man sich einer Sache verweigern und sie gleichzeitig unterstützen? Und warum legen diese schwulen Männer so viel Wert auf ihre sexuelle Orientierung, wenn sie doch wissen, dass genau sie der Grund zu fortgesetzten Diskriminierungen ist? Lemminge aller Länder, vereinigt euch!

Lemminge aller Länder? Stimmt, man muss gar nicht so weit über den großen Teich blicken: Auch in Deutschland gibt es eine Partei, in der eine Untergruppe »Homosexuelle in der …« zu finden ist, die aber auf der anderen Seite alle Gleichstellungsideen Nicht-Heterosexueller kategorisch bekämpft. Und es gibt homosexuelle Blogger, die sich am liebsten vom IS vom nächsten Dach stürzen lassen würden – nur um mit dem Schüren unbegründeter Ängste Recht zu behalten. Oder wahlweise der Kirche Speichel leckend zu Kreuze kriechen, auch wenn sie damit ihren eigenen Untergang besiegeln. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

Grundlage für diesen Kommentar war dieser Artikel von LGBTQNATION.

Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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