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CDU und Homorechte: Warum Kristina Schröder den Platz 1 verschmäht

In der Union wechseln sich in Sachen „rechtliche Besserstellung von Homosexuellen“ Totentanz und Tollhaus munter miteinander ab.

Erst herrscht dröhnendes Schweigen in der Frage, was denn die unionsregierte Bundesregierung zu tun gedenkt, wenn das Bundesverfassungsgericht vom Gesetzgeber den völligen Abbau von Diskriminierungen fordern wird. Still ruht da der See, es herrscht gar eine Art Bunkermentalität, und das, obwohl jeder denkende Abgeordnete von CDU/CSU ganz genau weiß, dass die Homoehe mitsamt Adoptionsrecht kommen wird. Doch auf einmal wird die See rauer, Wellen überschlagen sich, und dafür sorgt aktuell die aus Hessen stammende Familienministerin Dr. Kristina Schröder (35). Sie kandidiert nicht auf Platz 1 der hessischen Landesliste, sondern auf Platz 2. Damit dürfte zwar sicher sein, dass Frau Schröder auch dem nächsten Deutschen Bundestag angehören wird, aber offenbar, so lässt sie es verlauten, will sie mit ihrer Entscheidung ein Zeichen setzen. Dieses lautet zusammengefasst: Ich weiß, dass ein Großteil der hessischen CDU meine Pro-Haltung zu Homosexuellen nicht teilt, also kann ich auch nicht die Nummer 1 sein. Ja, so ließe sich vielleicht dieses „Zeichen“ zusammenfassen. Doch ist das ein richtiges Zeichen? Ein mutiges gar? Nein! Zweimal NEIN!!

Das Problem der Kristina Schröder

Das Problem der Kristina Schröder ist nämlich, dass sie nicht brennt für diese „Sache“. Sie ist zwar vom Grundsatz her für die Homoehe, diese verbunden mit einer steuerlichen Gleichstellung und einem Adoptionsrecht, doch sind ihre diesbezüglichen Plädoyers genauso lau wie ihre Rolle bei entsprechenden parlamentarischen Initiativen der Opposition. Klare Bekenntnisse fehlen also, wozu etwa gehören würde, dass sie sich im Bundestag mal laut und deutlich zu Homosexuellenbelangen äußert. Auch ist nicht bekannt, dass sie ihre Stimme erhoben hätte, wenn Schwulenhasser in der CDU/CSU wie etwa Norbert Geis homophoben Sondermüll absondern. Auch in der LSU, den Lesben und Schwulen in der Union, ist sie, wie LSU-Bundesvorsitzender Alexander Schröder queerpride bestätigte, nicht Mitglied wie etwa die heterosexuellen Frauen Rita Süssmuth und Regina Görner. Nein, der Verzicht auf Platz 1 ist weder ein kluges noch ein mutiges Zeichen für Homosexuelle.

Schwule und Lesben als Wegbereiter zur Macht

Ein kluges und mutiges Zeichen wäre es gewesen, wenn sie im Gegenteil kundgetan hätte: Meine Kandidatur auf dem Platz 1 ist auch ein Bekenntnis für Lesben und Schwule. Sie hat dieses Bekenntnis nicht abgegeben, und das Warum liegt auf der Hand: Die Homo-Stimmung in der hessischen CDU und insbesondere bei Ministerpräsident Volker Bouffier ist derart negativ, dass Kristina Schröder befürchten müsste, von den Delegierten – würde sie denn da kandidieren – nicht auf Platz 1 gewählt zu werden. Damit allerdings wäre sie massiv beschädigt. Es ist also davon auszugehen, dass ihre Entscheidung, nur auf Platz 2 zu kandidieren, und damit dem in Hessen beliebten Homoehe-Gegner und Ex-Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (64) den Vortritt zu lassen, einen anderen Grund haben könnte: Den eigenen Machtanspruch zu erhalten. Homosexuelle wären dann indirekt ein Wegbereiter zum Machterhalt einer Bundesministerin. Das indes wäre mal was Neues.

Written by Holger Doetsch

Holger Doetsch ist Bankkaufmann, Redakteur und Autor verschiedener Bücher, unter anderem "Elysander" und "Ein lebendiger Tag". Im Journalismus kennt er alle Seiten des Tischs, er publiziert in mehreren Zeitungen und Onlinemedien, war Pressesprecher (u. a. in der letzten DDR-Regierung) und unterrichtet seit 1995 Journalismus, PR sowie Rhetorik an verschiedenen Hochschulen.

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