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HIV: Ist das Versteckspiel der Viren vorbei?

Seit mehr als 20 Jahren gibt es eine funktionsfähige HIV-Therapie, mit der die Viruslast unter die Nachweisgrenze gesenkt wird, so dass Infizierte das Virus nicht mehr weitergeben können. Trotzdem ist HIV immer noch unheilbar, weil das Virus bislang nicht komplett aus dem Körper entfernt werden konnte.

Es versteckt sich in sogenannten »Reservoirs«, ohne sich zu vermehren – aber nur, wenn regelmäßig Medikamente genommen werden. Einer der Forschungsansätze zur Heilung von HIV befasst sich daher mit dem Auffinden jener Reservoirs, um auch die »letzten Mohikaner« unter den HI-Viren zur Aufgabe zu zwingen und die Medikamente damit überflüssig zu machen.

Nun scheint es in Frankreich einen wichtigen Durchbruch gegeben zu haben. Forscher in Montpellier haben herausgefunden, dass sich von den HI-Viren infizierte Helferzellen durch 16 Proteine von nicht-infizierten Zellen unterscheiden.

Die Wissenschaftler setzten einen speziell markierten Stamm des HIV-Erregers ein und konnten in der Zellmembran die unterschiedlichen Proteine feststellen. Das Protein CD32a kommt dabei am häufigsten vor. Auf Basis dieses Proteins wurde ein Antikörper entwickelt, der die infizierten T-Zellen identifiziert und entfernt. Das ist aber nur der erste Schritt.

Sollte sich die Entdeckung bestätigen, könnte die Behandlung HIV-Infizierter deutlich verbessert werden. Das Protein CD32a könnte als Lotse eingesetzt werden, der die Rückzugsorte aufspürt und die dort verborgenen Viren zerstört. Voraussetzung ist natürlich, dass es nicht noch mehr Viren-Verstecke gibt.

Das Virus der Diskriminierung wird überleben

Bei allem Fortschritt in der Behandlung muss man aber feststellen, dass sich das gesellschaftliche Klima an manchen Stellen wieder gegen HIV-positive Menschen richtet. Seitdem bewiesen wurde, dass die Therapie als Schutz funktioniert, und auch Positive auf die Verwendung eines Kondoms verzichten können – alle anderen STI mal außen vor gelassen – werden vielerorts die alten Beißreflexe reaktiviert.

Als jüngst durch die Presse ging, dass in Köln ein HIV-Infizierter vorm Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen wurde, weil er durch die Therapie die Viren gar nicht weitergeben könne, war in etlichen Kommentarspalten trotzdem von »versuchtem Mord« oder »Virenschleudern« zu lesen. Es scheinen selbst in der schwulen Welt, von der man immer glaubte, sie sei beim Thema HIV besonders aufgeklärt, immer noch die alten Ängste aus den 80er Jahren vorzuherrschen, die die Diskriminierung HIV-Positiver just in dem Moment wieder entfacht, wo die Erlösung von der Geißel HIV in Sichtweite kommt.

Es steht zu hoffen, dass die Erkenntnisse des Teams um den Wissenschaftler Benjamin Descours die gewünschten Erfolge zeitigen, um HIV endlich heilen zu können. Gleichzeitig aber steht zu befürchten, dass das Virus der Diskriminierung das HI-Virus noch lange überleben wird …

Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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