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Wenn Schwule älter werden: »Frischfleisch war ich auch mal«

Altern schwule Männer anders als Heterosexuelle, altern sie etwa schneller? In einer Szene, der gerne ungezügelter Jugendwahn vorgeworfen wird, ist diese Annahme gar nicht mal so unwahrscheinlich. Aber ist Jugend als Auswahlkriterium noch zeitgemäß? Die demographische Entwicklung macht bekanntlich auch vor der sexuellen Orientierung nicht halt. Andererseits gibt es wohl in kaum einer gesellschaftlichen Gruppierung so häufig das Peter-Pan-Syndrom wie bei männlichen Homosexuellen: Älter werden will keiner, und wenn man das schon nicht ändern kann, dann will man eben nicht erwachsen werden. Und doch lässt sich der Wandel der Zeiten nicht aufhalten. Darüber hat Matthias Gerschwitz ein Buch mit dem vielsagenden Titel »Frischfleisch war ich auch mal« geschrieben. Queerpride hat den Autor getroffen.

Auf den ersten Blick scheint er sich nahtlos in die Riege der Erwachsen-werden-Verweigerer einzureihen: Jeans mit Löchern, Kapuzenshirt, Turnschuhe. Und das in einem Alter, in dem andere schon dem Vorruhestand entgegenstreben; Gerschwitz wurde 1959 geboren, ist also 57 Jahre alt. Er sei mit der 68er-Generation aufgewachsen und habe da nie wirklich rausgefunden, sagt er. Und: Erwachsensein sei etwas für Bausparer. Dabei grinst er so offenherzig, dass der Humor förmlich aus den Augen blitzt. Später wird er zugeben, dass auch er einen Bausparvertrag hat.

Er fühle sich zwar noch recht jung, aber für einen Zwanzigjährigen sei er wohl ein Opa, sagt er. Schließlich sei er mittlerweile schon etliche Jahre aus der ›Komfortzone der jugendlich-straffen Haut‹ heraus. Aber damit kann er gut leben. »Ich trauere ja nicht meiner Jugend hinterher … weder im Leben, noch im Buch.« Das merkt man schon bei manchen Kapiteltiteln: »Zwei Helle schauen in die Röhre«, »Fünfzig ist das neue Dreißig« oder »Zwei Sauerbraten auf dem Weg in die »Großen Acht« von Radio Zwischendurch« lassen Humorvolles erahnen.

Buchtitel mit Augenzwinkern

»Frischfleisch war ich auch mal« ist nicht das erste Buch von Gerschwitz, und auch nicht das erste mit einem im Wortsinne »merkwürdigen« Titel. 2009 schrieb er über seinen Umgang mit HIV – er wurde 1994 positiv getestet, hat sich aber wohl schon 1992 infiziert – und betitelte das Werk mit »Endlich mal was Positives«.

Damals gab es wegen des Titels durchaus kontroverse Kommentare. War das beim aktuellen Buch auch so? Er schüttelt energisch mit dem Kopf: »Nein. Nur einmal hat jemand etwas von einem ›abstoßenden Titel‹ geschrieben, aber der hatte wohl auch sonst keinen Humor.

Meistens lachen die Leute nämlich, weil sie den Satz irgendwie kennen, und beginnen, über sich selbst nachzudenken. Am schönsten war der trockene Kommentar einer Fleischereifachverkäuferin: ›Frischfleisch? Na endlich mal was, womit ich mich auskenne!‹« Wie der Titel entstanden ist, verrät er auch: »Ich schwelgte mit Freunden über die ›schönsten Jahre‹. Für einen Dreißigjährigen liegen die vielleicht gerade mal fünf Jahre zurück, bei anderen zehn oder fünfzehn.

Mir waren das die 80er. Da hatte ich mein Coming-out, zog nach Frankfurt und konnte mich endlich ausleben … und die Musik war auch geil. Das ist nun schon fünfundzwanzig oder dreißig Jahre her. Und da ist man definitiv kein Frischfleisch mehr.«

Aber ein 68er ist er auch nicht; als Benno Ohnesorg erschossen wurde, war er in der Grundschule. Geprägt wurde er aber von seiner Familie. Als sechstes von sechs Kindern kam er mit dem frischen Wind der Studentenbewegung, der durch die traditionsbewussten Wohnstuben fegte, schon früh in Kontakt: »Ich bin ein Bildungsbürger-Kind, meine Eltern waren Pfarrerskinder; insbesondere mein Vater war extrem konservativ.

Die Emanzipation des Nachwuchses, die ja auch vor unserer Familie nicht haltmachte, hat zu vielen Konfrontationen zwischen meinen Eltern und meinen Geschwistern geführt. Ich habe mir das alles in Ruhe angeschaut, und später vor allem versucht, so manchen Fehler meiner Geschwister nicht zu wiederholen und diplomatischer zu sein.

Das ist mir auch ganz gut gelungen, sieht man mal davon ab, dass mein Coming-out meinem Vater anfänglich große Probleme bereitet hat. Er fand das zwar bis zu seinem Lebensende nicht toll, aber hat es zumindest hingenommen. Übrigens kam mein Coming-out relativ spät, weil das Thema Sexualität zu meiner Zeit kaum in der Schule und noch weniger zuhause angesprochen wurde. Ich musste das alles selbst herausfinden; zudem gehörte meine Heimatstadt Solingen damals nicht gerade zu den Avantgardisten des sexuellen Freidenkertums.«

Nicht nur schwule Themen

Auch davon schreibt er, gleich im ersten Kapitel. »Meine Geschichte widerlegt die ebenso gerne aufgestellte wie falsche Behauptung, Homosexualität sei anerzogen oder Folge einer Prägung. Das funktioniert nicht so einfach, wie sich das so manche besorgten Bürger vorstellen.

Ich bin in einem ausschließlich heterosexuellen Umfeld groß geworden und trotzdem schwul. Und ich bin garantiert nicht der Einzige, bei dem das so war.« Trotzdem ist »Frischfleisch war ich auch mal« kein schwules Buch; die 23 Kapitel drehen sich, wie der Klappentext verrät, um ›älter werden‹ und ›jung bleiben‹, um Haare, Wurst und Fernsehen, um homo- und heterosexuelle Menschen sowie um Comedy, Reisen und Zwischenmenschliches. Im letzten Kapitel, das dem Buch seinen Titel gab, wird Gerschwitz aber wieder sehr persönlich, wenn er die Problematik seiner ersten Beziehung beschreibt. Sein damaliger Freund hatte eine gute Freundin, die ihn wohl auch mindestens einmal ins Bett gezogen hatte. (Gerschwitz: »Ich hatte zu Anfang meiner sexuellen Karriere auch was mit Mädchen …«)

»Denn als es ihr dämmerte, dass er an mir mehr Interesse hatte als an ihr, zog sie das letzte der Weiblichkeit zur Verfügung stehende Register: Sie wurde schwanger. […] Die Eltern meines nunmehr ehemaligen Freundes waren froh, dass ihr Sohn auf den Weg der heterosexuellen Tugend zurückgefunden hatte, die werdende Mutter war glücklich, das Objekt ihrer Liebe an sich gebunden zu haben, und ihre Eltern wiederum freuten sich auf das Enkelkind. Zurück blieb eine einsame Seele. 

Meine. 

Als sich später herausstellte, dass die Schwangerschaft aus Verlustängsten nur vorgetäuscht worden war, machte das auch keinen Unterschied mehr. Das kleine Glück, das ich so überschwänglich genießen wollte, war mir durch die Finger geronnen, ohne dass ich etwas dagegen hatte unternehmen können.«

Humorvoll, nachdenklich und locker geschrieben

Frischfleisch

»Das Buch sollte ein Lesebuch werden, das man in einem Rutsch, aber genauso gut auch in Teilen lesen kann. Es soll ein Wegbegleiter sein, etwas, das immer wieder Freude macht. Leser aus meiner Generation werden Vieles aus eigenem Erleben wiedererkennen, jüngeren Leser gibt es einen humorvollen Einblick in eine (noch) unbekannte Welt, die des Älterwerdens.« Nach dem letzten Satz macht Gerschwitz eine längere Pause. »Ich selbst kann mich nicht beklagen. Ich habe Freunde, die deutlich jünger sind, und Freunde, die deutlich älter sind als ich. Die Mischung macht’s – und jeder Mensch kann aus seinem Leben spannende Geschichte erzählen. Man muss nur zuhören können oder wollen.«

Das »Solinger Tageblatt« attestiert dem Autor eine »Virtuosität, nachdenklich Stimmendes leicht und unterhaltend zu formulieren – ohne auch nur einen Fußbreit inhaltlicher Tiefe preiszugeben«, ein Leser schreibt: »Ihre Texte, so sehe ich beim ersten Blättern, sind feuilletonistische Essays« und in einen Buchblog heißt es: »Geschrieben ist ›Frischfleisch war ich auch mal‹ […] in der für Gerschwitz typischen lockeren, humorvollen und nicht selten auch von Satire sprühenden Sprache, die einen das Buch nicht weglegen lässt, bevor man, oder auch frau, es ausgelesen hat.«

Es lohnt sich, diese Lobeshymnen selbst zu überprüfen. Zu erhalten ist das Buch im örtlichen oder im Online-Buchhandel.

Matthias Gerschwitz

Frischfleisch war ich auch mal

152 Seiten, 9 Illustrationen

Pax et Bonum Verlag, Berlin

Preis: € 12,99 (eBook € 6,49)

Hörbuch in Vorbereitung

matthias-gerschwitz.de

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