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Lieber Franz-Josef Wagner!

Da hast Du – der Gralshüter der Toleranz – ja wieder einmal fein zugeschlagen. In die Diskussion um die Gleichstellung bzw. die Öffnung der Ehe auch für Schwule und Lesben, führst Du in der BILD-Zeitung vom 23. August 2012 ein Argument an, das man nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen kann:

Liebe Homo-Ehe,

der Gesetzentwurf des Justizministeriums will, dass Ihr gleichgestellt werdet mit der „Papa-Mama-Baby-Ehe“. Homo-Ehe vs. Mann-&-Frau-Ehe. Ich fühle mich dabei nicht wohl. Homosexuelle kriegen biologisch keine Kinder.

Früher wurden Homosexuelle in Deutschland zu Gefängnis verurteilt.

Was für eine glorreiche Zeit für Euch. Niemand steckt Euch ins Gefängnis, Ihr liebt Eure Partner, Ihr dürft sie lieben. Ihr seid deutsche Ehepartner. Eingetragen im Buch der Standesbeamten.

Wir sind ein besseres Deutschland geworden.

Ich fühle mich mit solchen Kommentaren nicht wohl. Muss ich Dir – bzw. wem eigentlich genau? – nun dankbar sein, dass ich aufgrund meiner sexuellen Disposition nicht mehr verhaftet, verurteilt und eingekerkert werde? Dass die Gewalt gegen Homosexuelle fröhliche Urständ feiert, entgeht einen »Feingeist« wie Dir natürlich. Und die Geschichte scheint Dir auch entfallen.

Der § 175 wurde in der Bundesrepublik Deutschland erst 1994 ersatzlos gestrichen. Sogar die DDR mit ihrem Wunsch nach sozialistischen Musterfamilien war da sechs Jahre schneller. Der 175er im (west-)deutschen Strafgesetzbuch basierte übrigens auf der durch die Nationalsozialisten verschärften Version von 1935. Zur Erinnerung: Zwischen 1933 und 1945 wurden Homosexuelle nicht nur ins Gefängnis gesteckt – viele ließen auch ihr Leben. Wir sollen also dankbar sein, dass ein Nazigesetz so viele Jahre in der Bundesrepublik Deutschland überleben durfte?

Ist Deutschland besser geworden, weil wir nicht mehr totgeschlagen oder verhaftet werden? Verbaler Totschlag findet bis heute statt. Dein Kommentar ist das beste Beispiel. Und er zeigt, dass dem Konservativen als solches die konservativen Werte völlig egal sind … solange er sie für sich alleine beanspruchen kann.


Seien wir doch ehrlich. Der Wunsch nach der homosexuellen Ehe – nur unzureichend mit der eingetragenen Lebenspartnerschaft erfüllt – entstammt doch denselben Werten, die auch die traditionelle Ehe auszeichnen: Gemeinsamkeit, Zuneigung, füreinander einstehen, miteinander gestalten. Den viel beschworenen »Werten« ist es völlig egal, ob sie von Mann & Frau, Frau & Frau oder Mann & Mann hochgehalten werden – wichtig ist nur, dass sie hochgehalten werden. Übrigens empfinde ich viele homosexuelle Partnerschaften in meinem Umfeld als traditionsbewusst, konservativ und – im besten Sinne – »spießig«. Heterosexuellen Wertkonservativen müsste dabei doch das Herz im Leibe springen! Nein … es zerspringt wohl eher, weil sich manche Homosexuelle konservativer gerieren als die Konservativen selbst.

Und noch etwas: Wir wollen nicht die »Papa-Mama-Baby«-Ehe. Die gibt es nämlich nicht. Mit »Baby« heißt das Konstrukt »Familie«, lieber Franz-Josef. Kennst du übrigens die Familie Horst Seehofer? Da heißt das Konstrukt »Papa – 1.Frau – 2.Frau und Mama/3 Kinder – Geliebte und Mama/1 uneheliches Kind«-Ehe. Aber das nur am Rande.

Wir wollen die Gleichstellung mit der »Mann-Frau«-Ehe. Wir wollen nicht nur die Pflichten, die uns bereits die eingetragene Lebenspartnerschaft abverlangt – wir wollen auch die Rechte. Nicht mehr und nicht weniger.

Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz
Durch die Öffnung der Ehe für Homosexuelle wird kein Kind mehr oder weniger geboren werden. Aber es gibt für die vielen – in heterosexuellen Beziehungen – vernachlässigten, verwahrlosten oder ins Heim gesteckten Kinder einen Ort, an dem sie mit Liebe, Sorgfalt und den von Ihnen so hochgehaltenen »Werten« aufwachsen können.

Lieber Franz-Josef Wagner: Wenn wir von »Werten« sprechen, sind uns auch die Kinder nicht egal. Ihnen offensichtlich schon.

Nachdenkliche Grüße
Matthias Gerschwitz
(zeugungsfähig)


Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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