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Happy X-Mas – ein kleines x und eine ungeheuere Wirkung

© CC0 Public Domain (via Pixabay)

An der Humboldt Universität Berlin wurde Anfang des Jahres eine sprachwissenschaftliche Broschüre verfasst, die helfen soll, sowohl die eigene Privilegierung als auch gesamtgesellschaftliche Machtverhältnisse zu beleuchten und in Frage zu stellen. Die Reaktionen auf den Entwurf sind durchwachsen.

Wir schreiben das Jahr 2014 – bald 2015. Kaum zu glauben, wenn wir die aktuellen Debatten über ein kleines x betrachten.
Lann Hornscheidt, dozierend an der Humboldt Universität zu Berlin, hat zusammen mit einer AG einen Leitfaden entwickelt, der verschiedene Formen geschlechtsneutraler Sprache vorschlägt. Es ist eine Hilfestellung, um sich gesellschaftlicher Normen und Machtverhältnisse bewusst zu werden, die in unserer Sprache verankert sind. In der Broschüre werden Sprachhandlungen und -veränderungen skizziert, der Unterschied zwischen antidiskriminierenden und pseudo-antidiskriminierenden Sprachformen erklärt und Vorschläge gegeben, wie Sprachhandlungen verändert werden können. Neben diversen Beispielen, wie dem statischen und dynamischen Unterstrich gibt es zum Beispiel jene x-Form. Hornscheidt selbst möchte geschlechtlich neutral als Professx angesprochen werden.
So weit, so einleuchtend – oder?
Nein.
Die Broschüre – und besonders das x – sorgt für viel Aufregung in den Medien. Etliche Menschen und Presseorgane sahen und sehen sich ihrer persönlichen Freiheit beraubt. Die Arbeit sei Indoktrinierung und Sprachideologie: Lann Hornscheidt solle sofort von der Universität verwiesen werden. Es folgten Mord- und Vergewaltigungsdrohungen und die allgemeine Verzweiflung darüber dass die eigenen Steuergelder für diese „abartige Geisteskrankheit“ verprasst werden stieg ins Unendliche.
Kurz gesagt wurde aus: „Eine AG entwirft mit Lann Hornscheidt einen Sprachleitfaden“ aus irgendeinem Grund: „Lann Hornscheidt will sich „unsere“ Sprache Untertan machen und sardonisch lachend auf Goethes Grab tanzen“.
Dass es sich bei den Ausführungen um einen von mehreren Vorschlägen – einen kritischen Denkanstoß – handelt um die Menschen einzubeziehen, die sonst gesellschaftlich nicht vorkommen, scheinen die meisten dieser Stimmen vergessen zu haben.
Die x-Form soll irritieren. Und das hat sie geschafft. Doch sie hat noch etwas anderes gezeigt. Die krakeelende Reaktion auf die angebliche Bevormundung beweist, dass der privilegierte deutsche Kleingeist 2014 noch immer in blanke Panik ausbricht wenn sich eine Person weder als weiblich noch als männlich bezeichnet und dieses Recht auch für andere fordert.

Written by mik

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