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HIV, Aids und Promiskuität – alles wieder auf Anfang?

Als zu Beginn der 1980er Jahre die ersten Gerüchte über einen „Schwulenkrebs“ auftauchten, einer Krankheit also, die ausschließlich homosexuelle Männer befällt, da war der Schock in der Community groß. Solange hatte man(n) dafür gekämpft, vollkommen frei leben und vor allem lieben zu können, die Darkrooms und Schwulensaunen sprossen wie Pilze aus dem Boden, in den Cruisingareas war die Hölle los, die Literatur war voll von zügellosen Berichten über sexuelle Ausschweifungen… Und nun das. Pornos waren auf einmal nur dann politisch korrekt, wenn Kondome im Einsatz waren, und wer bareback vögelte, ungeschützt also, wurde quasi automatisch zur rücksichtslosen Drecksau degradiert. Es folgte, was folgen musste: Die Darkrooms in den Bars und die Saunen schlossen oder wurden mit strengen Regeln überzogen. Der Kondommarkt boomte, und die, die sich all dem weiter verweigerten, mussten, um der verhassten Diskriminierung zu entgehen, ihre Vorlieben im privaten Bereich ausleben, wo jeder sein Risiko kannte. Doch mussten sie eben diese Vorliebe für ungeschützten Sex verschweigen, denn sie waren überall, die Mahner, die vorrechneten, dass HIV-Therapien heute alleine in Deutschland eine Milliarde Euro verschlingen, wobei damit nur die Medikamente bezahlt werden. Aktuell müssen die Krankenkassen pro HIV-Erkrankten Jahr für Jahr rund 20.000 Euro berappen, und viele Politiker führten und führen schnell das Wort der „Solidargemeinschaft“ im Munde gemäß dem Motto: „Wenn du dich sexuell ausprobieren und dabei ungeschützt f***** willst, dann musst du auch für die Folgen gerade stehen.“ Punkt.

HIV/Aids hat uns unsere Grenzen aufgezeigt

Nun gibt es mit „Truvada“ ein Medikament, das sich als „Prep“, also in der Präexpositionsprophylaxe, einsetzen lässt. Ist das automatisch eine gute Nachricht? Vordergründig ja. Dies, weil die Wahrscheinlichkeit, in der Homoszene auf einen Infizierten zu treffen, unverändert hoch ist, und viele Infizierte ahnen ja nicht einmal, dass sie das Virus in sich tragen. Die Zahl der Neuinfektionen ließe sich also eindämmen. Gleichwohl bleibt die Nachricht von „Truvada“ aber nur vordergründig eine gute Nachricht, was im Wesentlichen zwei Gründe hat: Eine Monatspackung „Truvada“ kostet an die 700 Euro, und ein Medikament in dieser Preiskategorie spaltet die Gesellschaft automatisch in zwei Teile: In die der Reichen, die sich schützen können, und in die der Armen, die bei alledem auf der Strecke bleiben. Die schreiende Ungerechtigkeit „Afrika versus Europa/USA etc.“ bekäme so auch innerhalb der „reichen“ Staaten selbst eine unsägliche Neuauflage. Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum man über Mittel wie „Truvada“ nicht unbedingt nur jubeln kann. HIV und AIDS haben bei vielen Homosexuellen ein neues Bewusstsein geschaffen: Uns wurden unsere Grenzen aufgezeigt, und in der Folge hat das Virus in über dreißig Jahren viele, zu viele Menschen, dahingerafft. Aber es gibt auch viele Menschen, die sich bei alledem dem Wert der Treue bewusst geworden sind. Der Blick auf die Verantwortung, die wir unserem Partner gegenüber haben, wurde geschärft, denn wer will bestreiten, dass HIV auch eine Folge der Promiskuität war? Soll nun, wo es ein Gegenmittel gegen das Virus gibt, alles wieder auf den Anfang zurück? Käme es so, dann würde das ein Licht auf eine Gesellschaft werfen, die wirklich nichts gelernt hat.

Written by Holger Doetsch

Holger Doetsch ist Bankkaufmann, Redakteur und Autor verschiedener Bücher, unter anderem "Elysander" und "Ein lebendiger Tag". Im Journalismus kennt er alle Seiten des Tischs, er publiziert in mehreren Zeitungen und Onlinemedien, war Pressesprecher (u. a. in der letzten DDR-Regierung) und unterrichtet seit 1995 Journalismus, PR sowie Rhetorik an verschiedenen Hochschulen.

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