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Die Sache mit Silvester

Egal ob schwul oder nicht-schwul, es scheint in unserem Leben immer bestimmte Momente und Ereignisse zu geben, die wir nicht alleine erleben möchten. Ich denke zum Beispiel, dass keiner von uns gerne alleine das Weihnachtsfest verbringen möchte. 

Ich selbst habe ein paar Heiligabende vor der Geburt meiner Tochter im Büro bei KPMG auf der Park Avenue in New York verbracht. Das war für mich damals okay gewesen, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass es irgendwann in meinem Leben eine Zeit gegeben hätte, in der Silvester für mich keine wichtige Rolle gespielt hätte. 

Als Kinder haben uns unsere Eltern am Jahresende bei unseren Cousins übernachten lassen, da sie damals noch leidenschaftlich gerne auf den Silvesterball im Nachbardorf gegangen sind. Meine Mutter gönnte sich jedes Jahr ein neues Kleid, während mein Bruder und ich uns auf das Silvester in Cuxhaven-Altenbruch oder Mulsum freuten. 

Als ich dann mit 17 Jahre die Schule verließ und mich in einer Ausbildung bei einer Sparkasse wiederfand, verbrachte ich das erste Silvesterfest noch mit meinen alten Schulfreunden. Ein Jahr später war ich Silvester allein, da sich nichts ergeben hatte und fand mich in der Disco Get-Up in Bremerhaven wieder, in der ich keine Freunde hatte. Als ich damals im Auto über die Dörfer zurück nach Hause fuhr, versprach ich mir in jener Nacht, dass mir so etwas niemals wieder passieren würde. Und ich sollte mein Versprechen bis zum heutigen Tag halten. 

Nur ein Jahr später feierte ich Silvester in London, nachdem ich in dieser Stadt im vorherigen Sommer ein paar sehr coole Londoner kennengelernt hatte, Wir hatten den Pakt geschlossen, Silvester um jeden Preis zusammen zu verbringen und so kam es dann auch. Dies sollte eines der besten Silvester überhaupt bleiben. Da dieser Jahreswechsel in den 90ern stattfand, rief ich damals meine Eltern vom Payphone in der Disco Hippodrome am Leicester Square an und fand mich in einer Schlange mit anderen jungen Menschen aus der ganzen Welt wieder.

In den darauffolgenden zwei Jahren erlebte ich den Jahreswechsel mit Freunden aus Cuxhaven und Cadenberge, mit denen ich heute noch befreundet bin. Als es dann mit dem Studium in Hannover losging, entwickelten sich in der Leine Stadt enge Freundschaften und natürlich feierten wir auch am Jahresende zusammen. Mein Coming Out ließ damals noch auf mich warten, aber in Hannover war ich eigentlich das ganze Jahr mit Freunden unterwegs. 

Und so stand ich vor 20 Jahren mit Claudia und Axel auf dem Opernplatz in Hannover, mit denen bis heute immer noch Kontakt besteht. Und trotz Umzug nach London in 2001, blieb ich den Silvestern in Hannover in den darauffolgenden Jahren treu, bis es plötzlich dort keine Silvester Partys mehr gab. Freunde zogen weg oder heirateten, bekamen Kinder und nachdem ich mein Coming Out in London erlebt und mein MBA Studium beendet hatte, sollten die Silvester niemals wieder so sein, wie sie es einmal gewesen waren.  

Ich trat meinen ersten Job in der Londoner Finanzindustrie an und sollte meinem Spitznamen „Party Boy“ schon bald alle Ehre machen und fester Bestandteil der Londoner Party Szene werden, Ich war jung und wollte Spaß haben, nachdem ich einen Großteil meiner 20er in Universitäten verbracht und mein Leben mit Studentenjobs finanziert hatte. Ich hatte einen wahnsinnigen Nachholbedarf und frei nach dem Motto „Work Hard – Party Hard“ wurden von nun an die Silvester auf beiden Seiten des Atlantiks verbracht, da ich in New York Freunde während meiner Praktika gefunden hatte. Und ich stürzte mich in meinen 30ern sehr gerne in die Partys, lernte immer wieder neue Leute kennen und zog nach ein paar Jahren dann auch ganz nach New York. 

In meinem Leben sollte es nie wieder richtig ruhig an Silvester werden. Aber als ich älter und Vater wurde, kam irgendwann die Sehnsucht nach Europa auf. Und heute ist es Tradition in unserer Familie, den Geburtstag meiner Tochter nach Weihnachten in Florenz zu verbringen, bevor wir dann weiter nach Barcelona fliegen, wo Silvester gefeiert wird. 

Barcelona ist für uns die Stadt am Meer, die so viel zu bieten hat. Ich werde niemals die Afterparties in Souvenirs in Villadecans am Neujahrstag vergessen. Als ich den Nightclub zum ersten Mal betrat und einen der Go-Go Boys mit Reitstiefeln und Reithose, Kappe und Gerte tanzen sah, glaubte ich in einem vorherigen Leben schon einmal an dem Ort gewesen zu sein. Das wir in 2005 und heute gibt es leider kein Souvenirs mehr, das irgendwann der Wirtschafskrise in Spanien zum Opfer gefallen war. 

Aber wir verbrachten in der letzten Woche gleich zwei Nachmittage am Strand in Sitges. Meine Tochter stürzte sich mit ihrem Kleid begeistert in die Fluten des Meeres bevor wir dort den letzten Sonnenuntergang des Jahres erlebten, was einfach nur wunderschön war. 

Am Abend schauten wir dann das Silvester Programm Welcome 2020 mit Andrea Kiewel und Johannes B. Kerner auf dem ZDF, das mir schon vor 20 Jahren nicht besonders gut gefallen hatte. Aber egal, Deutsches Fernsehen in Spanien am Silvester Abend ist irgendwie zur Tradition geworden. Allerdings musste ich die 12 Weintrauben vor Mitternacht letztes Jahr alleine essen, die alle einen Wunsch für das neue Jahr präsentieren, da meine Tochter schon gegen 22 Uhr eingeschlafen war. 

Aber was passierte denn nun nach Mitternacht und was wurde aus der alljährlich scheinbar wichtigsten Party? 

Die Matinee Gruppe organisierte zum ersten Mal in 2019 keine Silvester Party, was als Enttäuschung galt, da die Matinee Gruppe einfach weiß, wie man es macht. Top DJ Phil Romano hatte in den letzten Jahren immer aufgelegt und wir waren alle begeistert gewesen von den heißen Go-Go Tänzern auf der Bühne und den großen Locations mit attraktiven Spaniern auf der Tanzfläche. So hatte Silvester immer Spaß gemacht. 

Meine Begeisterung hielt sich dann in Grenzen, als ich von der Tanga Party im Safari Club erfuhr, auf der in erster Linie Musik der 80er und 90er Jahre gespielt werden sollte. Aber meine Freunde und ich fanden schnell eine kleinere Tanzfläche für die House Music begeisterten Club Besucher und plötzlich fühlte sich das alles wie eine Nacht im Souvenirs vor 15 Jahren an.

 Und während ich dann mit meinen Freunden tanzte und mit ihnen auf das neue Jahr anstieß und dabei von attraktiven Männern umgeben war, erkannte ich, worauf es an Silvester wirklich ankommt. 

Ich denke, dass es keine Rolle spielt, ob wir Silvester am Times Square in New York oder in der Dorf Disco in einem Kuhkaff bei Cuxhaven feiern. Das wesentliche ist, dass wir uns in dieser Nacht wohlfühlen und mit uns selbst im Einklang sind. Und wenn wir dann nicht alleine sind, sondern mit Freunden oder Familie zusammenfeiern dürfen, dann erkennen wir, dass wir im Leben unseren Platz gefunden haben. 

Wir alle werden irgendwann älter, aber für viele von uns wird Silvester nie die magische Bedeutung verlieren, die es für uns auch schon als Kinder gehabt hat. Es ist die Vorfreude auf das neue Jahr und auf das was uns erwartet. Es ist aber auch ein Moment im Leben, in dem wir nicht alleine sind und Menschen, die uns etwas bedeuten, in den Arm nehmen. Und wenn wir das Glas heben, dann ist das aber auch ein Moment, in dem wir uns selbst ein wenig feiern können. 

Denn für viele von uns war es ein langer Weg, bis wir unseren Platz in der Gay Community gefunden hatten. Und ich freue mich daher umso mehr, Euch allen ein frohes neues Jahr mit vielen aufregenden Abenteuern zu wünschen und hoffe, dass Ihr gut in das neue Jahr reingekommen seid. 

Written by Derek Meyer

Derek Meyer wird im Rahmen einer Artikel Serie über das Leben in New York schreiben. Er hatte bereits in seinem Debüt Roman „Coming Out in New York“ die Auf und Abs des Lebens in der New Yorker Gay Szene beschrieben und meldete sich knapp 2 Jahre später mit seinem zweiten Buch „Baby, Fame & Inspiration“ zurück. Beide Bücher sind auf www.tredition.de und Amazon erhältlich.

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