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App auf die Bühne: Wie aus Grindr eine Oper wurde

Am Anfang stand die Idee: Der New Yorker Schauspieler, Sänger, Theaterautor und Komponist Erik Ransom wollte vor einigen Jahren aus der Dating-Website manhunt.net ein Musical entwickeln. Initialzündung war das Profil eines ›bug chasers‹, der sich unbedingt mit dem HI-Virus infizieren wollte. »Das war für mich die dunkle Seite des Datings, die mich ebenso erschreckte wie faszinierte«, erzählte Ransom dem Redakteur des Blogs thedailybeast.com. »Ich wollte ergründen, was diese Menschen antreibt und eine ehrliche und respektvolle Beschreibung abliefern.«

Er hatte das Bühnenstück nicht einmal zur Hälfte fertig, als er vom Fortschritt überholt wurde, denn immer mehr schwule Männer klappten ihren Laptop zu und wechselten zum Smartphone – und zu einer nagelneuen Plattform namens Grindr. Die war nicht nur schneller und unkomplizierter, sondern auch absolut trendy. Auf den Rat einiger Freunde wechselte auch Ransom. Aus der ursprünglichen Musicalidee wurde eine Oper, in der Grindr gleich zwei Mal auftaucht: Einmal als Erzähler – und einmal als ›deus ex machina‹, ganz im ursprünglichen Wortsinn als ›Gott aus der Bühnentechnik‹. Eigentliche Hauptdarsteller sind aber vier Männer, die verschiedene schwule Archetypen – bei Grindr heißen sie nicht zufällig ›tribes‹ (Stämme) – verkörpern.

– Devon, der Romantiker, hat gerade eine gescheiterte Beziehung hinter sich und versucht, mit Hilfe der Plattform wieder Anschluss zu finden: »»I don’t like clubs / I don’t like bars / I’m not afraid of LTR’s« (Long Term Relationships)

– Jack, als ›twink‹ der ideengebende ›bug chaser‹ und gerade mal 18 Jahre alt, interessiert sich nur für Sex – egal mit wem, Hauptsache oft und bareback: »I want to get seeded / I want to get breeded / I’ve got a hot, hungry mouth and your seed’s gonna feed it / Then you can fuck me sore until I’m bleeding«

– Don ist der verklemmte Typ: ein verheirateter, ungeouteter, republikanischer Daddy, ausgestattet mit internalisierter Homophobie und tiefem Selbsthass, die ihn in eine brutal-dominante Rolle drängen: »Every single hookup is a gamble for my life / I’ve got a good career, a summer house, a boat, a wife / But I’ve got a good two hours ’til a business conference call / And for a lay, I’ve got to say, I’d risk the yacht and all.”

– Tom wiederum ist der Vertreter der NSA-Fraktion auf der Suche nach Fun ohne Stress: »Just don’t be old / And don’t be fat / And we can have some fun all NSA / No strings attached.«

Die gute Fee darf natürlich auch nicht fehlen. Der Kontratenor Courter Simmons thront als ›Grindr persönlich‹ – halb Göttin und halb Gastgeberin – über dem Schicksal der vier Protagonisten, gewandet in ein opulentes Ballkleid, das jede Drag-Queen erbleichen lässt. Und ganz nebenbei erklärt er/sie allen jenen, die es noch nicht wissen sollten, wie die App und die Online-Promiskuität funktionieren. Sirenengleich lockt sie die Männer wie williges Fleisch in die Abgründe ihres engmaschig gesponnenen App-Netzes. Ransom ist da durchaus autobiographisch. Auch er war eine Zeitlang süchtig nach der App, die beinahe als Lebenspartner fungierte. Daher kam er auf die Idee, der App selbst eine Rolle in seiner Oper zu geben. »Viele Leute sehen schon in Facebook-Likes eine Belohnung. Grindr geht erheblich weiter: Du kannst anhand der Anzahl und Art Deiner Kontakte sehen, ob Du attraktiv bist oder nicht – und das in der intimsten Sphäre Deines Selbst.«

Die mitreißenden Songs machen auch vor Themen wie Vergewaltigungsfantasien, Geschlechtskrankheiten und Promiskuität nicht halt, vermitteln sie aber mit einem guten Schuss Humor, ohne moralinsauer zu werden. Ransom und sein Ensemble treffen exakt den schmalen Grat zwischen Komödie und Drama; sie spielen leichthändig mit den Genres, um delikate und intime Wahrheiten zu offenbaren und zu erkunden.

»Ehrlich gesagt habe ich gar nicht gewusst, was ich da anrichte«, grinst Ransom. »Das Stück lebt von der Gegenüberstellung der virtuellen App mit der ›Nerz- und Diamanten‹-Welt der Oper.« Allerdings sind keine Opernhäuser nötig, um »Grindr: The Opera« zu präsentieren: Die fünf Sänger und ihre ebenfalls fünfköpfige Begleitung richten sich mit der flexiblen Inszenierung nach dem verfügbaren Platzangebot: vom Hinterzimmer einer Bar bis zum Kleinkunsttempel ist alles möglich. Warum also nicht auch die ›große‹ Bühne? Nach zwei szenischen Lesungen in den New Yorker Midtown Roy Arias Studios in der vergangenen Woche peilt Ransom nun die offizielle Premiere als Off-Broadway-Stück für den Herbst dieses Jahres an. Investoren werden auch noch gesucht.

Mehr unter grindrtheopera.com

Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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