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Conchita: Ich habe mir einen Kindheitstraum erfüllt

Vor wenigen Tagen veröffentlichte Conchita alias Tom Neuwirth ein Album mit den Wiener Symphonikern. Queerpride telefonierte mit dem Künstler auf der Fahrt zwischen Leipzig und Dresden.

Er schwebt immer noch – und wer möchte es ihm verdenken? Es ist erst wenige Tage her, dass Conchita sein neues Album »From Vienna with Love« im Wiener Festspielhaus präsentieren konnte. »Ich war schon vier Wochen vorher unheimlich nervös«, gesteht er. »Ich habe vier Tage vor dem Konzert aufgehört zu sprechen, habe alle privaten Verabredungen abgesagt und die Pressetermine kurz gehalten.« Die Premiere vor ausverkauftem Haus ist gelungen. Er schwebt immer noch.

Dabei schien es im letzten Jahr noch, dass Conchita Wurst – zumindest als Figur – sterben sollte. Tom Neuwirth hatte es selbst verkündet und damit in Fankreisen für Aufregung gesorgt. »Die Figur hat alles erreicht, was sie erreichen konnte«, hieß es damals. Er wolle sich neu erfinden.

Nun ist er doch Conchita geblieben, allerdings ohne den etwas provokanten Nachnamen. »Conchita wird immer ein Teil von mir sein«, sagt er, »aber ich habe jetzt die Möglichkeit, die Figur weiterzuentwickeln – persönlich und musikalisch.«

Mit 16 Jahren startete er im Showgeschäft und war jahrelang auf Glamour-Pop mit großen Melodien und noch größeren Gesten geeicht.

Mit der intensiven Auseinandersetzung um die eigene Person und die Kunstfigur im letzten Jahr wurde der Drang stärker und stärker, neue Wege zu gehen – zumal sich sein eigenes musikalisches Interesse nicht nur auf den Glamour-Pop beschränkt. Was dabei herausgekommen ist, kann sich hören lassen. Mit »From Vienna with Love« betritt Conchita neues Terrain.

Das musikalische Parfüm der Frauen

Auf den ersten Blick erscheint das Album ein »Best of« großer Songs bekannter Künstlerinnen zu sein. Und doch ist es mehr. »Diese Songs begleiten mich schon ein Leben lang«, offenbart Conchita, »von ›Writings on the Wall‹ mal abgesehen. Das ist noch recht neu, aber es hat mich sofort gepackt.«

Mit allen anderen Liedern verbinden ihn starke Emotionen und Erinnerungen an Momente seines Lebens; die CD ist – wenn man so will – ein musikalisches Fotoalbum. Und wenn er, wie am vergangenen Samstag in Wien, auf der Bühne steht und diese Lieder vorträgt, erzählt er dabei auch ein wenig von sich und den Situationen, in denen sich diese Songs in sein Leben geschlichen haben.

Geht es ihm dabei eher um die Sängerinnen oder um die Texte? Es sei als Hommage an die großen Künstlerinnen zu verstehen, erklärt er. Deshalb kopiere er nicht einfach, sondern lege seine eigenen Emotionen in die Interpretation hinein. »Es ist der Versuch, das musikalische Parfum dieser Frauen zu transportieren«, fährt er metaphorisch fort.

Bei der intensiven Beschäftigung mit den Songs ging es ihm darum, herauszufinden, woher sie ihre Kraft nehmen. »Es sind nicht nur die Worte oder die Tonalität des Textes«, hat er begriffen, »sondern es ist auch – und besonders – die Stimmfarbe.« Und diese Erkenntnis macht seine Interpretationen so höchstpersönlich, denn er mischt für jeden Song seine Stimmfarben neu an.

Worte, die aus dem Herzen tropfen

Kritiker mäkelten im Vorfeld, dass nur zwei der Songs auf dem Album eigene Werke seien. Conchita kontert: »›From Vienna with Love‹ ist wahrscheinlich persönlicher und authentischer als mein Pop-Album. Ich habe bewusst Lieder ausgewählt, die etwas von mir oder über mich aussagen.«

Und so hat er extra für dieses Album »Have I Ever Been in Love?« geschrieben und stellt sich damit die Frage, die wohl jeden Menschen bewegt: War ich wirklich jemals verliebt? »Das sind Worte, die mir aus dem Herzen tropfen«, sagt er und man kann nicht anders, als ihm zuzustimmen.

Bei »Colours of the Wind« spürt man, dass Conchita angetreten war (und nach wie vor ist), die Akzeptanz der Vielfalt einzufordern. In diesem Lied gehe es darum, alle Schattierungen dieser Welt zu sehen und zu respektieren.

Und ihnen auch die Freiräume zu geben, selbstbewusst und selbstbestimmt leben zu können. »Wenn man nur das Beste vom eigenen Leben fordert, bekommt man auch das Beste«, ist er sich sicher. Und deswegen habe er wie auch jeder andere Mensch verdient, dass es rote Rosen regnen solle.

Hand aufs Herz: Jeder, der bei welcher Gelegenheit auch immer den Klassiker von Hildegard Knef mitsummt, mitsingt oder nur mitfühlt, ist doch vom selben Wunsche beseelt: »Für mich soll’s rote Rosen regnen«.

»Ich finde Melancholie mystisch und sehr elegant.«

Allen Songs auf »From Vienna with Love« ist der Bodensatz an Melancholie gemein, gepaart mit dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Und auch hier fehlt nicht der persönliche Bezug. »Ich ziehe meine Inspirationen aus der Dunkelheit und der Nachdenklichkeit«, bekennt Conchita.

»Ich habe bei allen tollen Dingen, die mir passiert sind, auch Herausforderungen stemmen müssen, an denen ich aber letztlich gewachsen bin. Zur Melancholie gehört ja auch der Lebenswille und die Überzeugung, sich selbst glücklich machen zu können.«

Mit dem neuen Album hat er auch sich selbst glücklich gemacht. Mit einem großen Orchester auf der Bühne zu stehen, war ein Traum von Kindesbeinen an.  Dass es die Wiener Symphoniker sind, einer der renommiertesten Klangkörper der Welt, erfüllt ihn mit Stolz. 2017 hatte er mit einem Konzert die Wiener Festwochen eröffnet, bei denen auch das Orchester konzertierte.

»Nach einem gelungenen Abend habe ich voller Euphorie die Chance beim Schopf ergriffen und gemeinsam mit meinem Management bei den Symphonikern angeklopft, ob man nicht mal zusammen arbeiten wollte.« Das Klopfen war offensichtlich nicht vergeblich.

»Sind die Geigen einmal in Fahrt, hält sie nichts auf.«

Was den Unterschied zwischen einer Band und einem Orchester ausmache, möchte ich wissen. »Zunächst einmal sind es sehr viel mehr Musiker!«, sagt er lachend, um sofort eine weitere Metapher anzufügen: »Ein Orchester ist ein musikalisches Organ, das hinter dir schlägt, wie ein riesengroßes Herz, mit dem man eine Einheit bildet.«

Das sei zwar bei einer Band grundsätzlich auch so, aber die Band sei gelenkiger, spontaner. Bei einem Orchester – zumal einem so großen – sei das nicht möglich. »Wenn die Geigen einmal in Fahrt sind, hält sie nichts mehr auf«, erklärt Conchita. Das allerdings sei wunderschön, denn es trüge den Künstler wie auf einer Welle durch den Song.

Dass die meisten der eingespielten Lieder Filmen entstammen, ist übrigens Zufall. Und dass mit »Writings on the Wall« und »Moonraker« zwei der Songs aus 007-Filmen stammen, auch.

24.10.2018 Dresden, Theaterplatz, Semperoper, Conchita, © Amac Garbe

Die Auswahl traf nämlich nicht der Cineast, sondern der Musikliebhaber. Auch dass »From Vienna with Love« überdeutlich an den James Bond-Film »From Russia with Love« erinnert, hat nichts zu sagen. Für Conchita ist der Albumtitel vergleichbar mit einer Postkarte, auf der Urlauber die besten Grüße aus Österreich versenden.

An dieser Stelle kommt »The Sound of Music« ins Gespräch. Das gleichnamige Musical basiert auf der Geschichte der Trapp-Familie, die 1938 vor den Nationalsozialisten aus Salzburg in die USA geflüchtet ist. Steckt da nicht doch ein wenig Heimatverbundenheit drin?

Conchita lacht. »Im Gegensatz zum Rest der Welt verbindet der Österreicher ›The Sound of Music‹ gar nicht mit der Trapp-Familie oder mit der Alpenrepublik. Das machen nur die Anderen!«

Aber gerade deshalb habe er das Lied – mit einem Augenzwinkern, wie er nachsetzt – mit in die Auswahl aufgenommen. Viel wichtiger ist ihm aber, dass er es in der originalen Tonart eingesungen hat. Das mache den »speziellen Touch« aus, sagt er, denn es sei für einen Mann eine stimmliche Herausforderung.

Dem Guten wird viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt

Nicht nur die Fans waren traurig, dass fast alle Konzerttermine in Deutschland abgesagt wurden. Auch Conchita war schwer enttäuscht, nachdem das Bühnenprogramm intensiv erarbeitet worden war.

Doch von Rückschlägen lässt sich der Künstler nicht leiten. »Zunächst mal bin ich sehr froh und glücklich, ein tolles Team um mich zu haben, das mich Künstler sein lässt und mich auch in solchen Momenten unterstützt.

Deshalb konzentriere ich mich jetzt erst einmal auf den Auftritt bei den Dresdner Jazztagen am 18. November.« Die gewonnenen freien Tage wird er nutzen, um im Studio an seinem dritten Album zu feilen. Vielleicht kommt er ja mit ganz neuer Musik nach Deutschland.

Nur eine Hoffnung wird sich nicht erfüllen: Eine Tournee mit den Wiener Symphonikern wird es nicht geben. Leider. »Die kann ich mir nicht leisten«, lacht er.

Conchita Interview
© Markus Morianz

Fragt man ihn nach seinen persönlichen Wünschen, wird er still und bescheiden: »Für meine Zukunft habe ich eigentlich keine großen Wünsche, weil ich weiß, dass ich mich immer glücklich machen werde, weil ich das kann.«

Aber wenn er sich doch etwas wünschen dürfte, wäre es eine sehr hohe Beteiligung bei den Europawahlen im Mai 2019. »Wir haben eine bedenkliche Entwicklung in eine negative Richtung«, sagt er. »Dabei geht leider immer unter, dass es auch eine Menge an positiven Entwicklungen gibt.«

Spricht’s und schickt Liebesgrüße aus Wien. Mögen sie überall in Europa – und nicht nur dort – Gehör finden.

From Vienna with Love:

  • Writings on the Wall
  • Have I Ever Been in Love
  • Colors of the Wind
  • The Sound of Music
  • Get Here
  • Where Do I Begin
  • All by Myself
  • The Way We Were
  • Rise like a Phoenix
  • Moonraker
  • Uninvited
  • Für mich soll’s rote Rosen regnen

Bild: ©André Karsai, © Amac Garbe, © Markus Morianz.

Written by Matthias Gerschwitz

Matthias Gerschwitz, Kommunikationswirt, ist seit 1992 in Berlin mit einer Werbeagentur selbständig. Seit 2006 schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen (»Ich erzähle gerne Geschichte anhand von Geschichten«); vorrangig wurde er aber mit seinen Büchern über HIV (»Endlich mal was Positives«) bekannt. Matthias hat schon in der Vergangenheit gelegentlich und aus aktuellem Anlass Artikel für Queerpride verfasst. Anfang 2015 ist er fest zum »netzdenker«-Team gestoßen.

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