Die Diskussion über Madonnas Bühnenauftritt berührt mehr als eine mögliche Tour. Für eine Community, die Selbstbestimmung verteidigt, stellt sich auch die Frage, welche Erwartungen wir an unsere Ikonen richten.
Popikonen begleiten Menschen oft länger als Beziehungen, Wohnungen oder Jobs. Ihre Songs werden Teil der eigenen Geschichte. Gerade deshalb kann es irritieren, wenn eine vertraute Künstlerin auf der Bühne anders wirkt als in der Erinnerung. Doch aus dieser Irritation entsteht kein Anspruch darauf, dass sie für immer dieselbe bleibt.
Madonnas Rückkehr zu den MTV Video Music Awards mit ihrem Bühnenauftritt hat die Frage nach weiteren Konzerten neu belebt. Eine neue Tourankündigung findet sich zum Recherchestand vom 3. Oktober in den geprüften offiziellen Mitteilungen allerdings nicht. Berichte über angebliche Sorgen ihres Umfelds beruhen auf anonymen Angaben, die auf die Daily Mail zurückgeführt werden.
Eine Verbindung, die über die Tanzfläche hinausgeht
Madonnas Bedeutung für viele queere Menschen hat einen konkreten Hintergrund. 2019 erhielt sie den Advocate for Change Award von GLAAD. In ihrer Dankesrede erinnerte sie an queere Wegbegleiter und an Freunde, die sie durch Aids verloren hatte. Sie sprach auch darüber, wie die Erfahrung, selbst nicht dazuzugehören, ihr Engagement geprägt habe.
Diese Geschichte verpflichtet niemanden dazu, jeden Song oder jeden Auftritt gut zu finden. Sie erklärt aber, warum die Debatte für manche Fans mehr berührt als die Frage nach dem nächsten Ticketverkauf.
Wer Selbstbestimmung ernst nimmt, sollte sie auch einer bewunderten Künstlerin zugestehen. Madonna darf neue Musik machen, ihre Arbeitsweise verändern und selbst entscheiden, welche Bühne zu ihrem Leben passt. Sie muss weder den Erwartungen der Boulevardpresse noch den Erinnerungen ihrer treuesten Fans entsprechen.
Bühnenauftritt: Kritik braucht keinen Spott
Man kann über Gesang, Inszenierung und die Qualität einer Show diskutieren. Das Publikum darf Erwartungen haben, besonders bei teuren Konzertkarten. Problematisch wird es, wenn aus einer Bewertung der künstlerischen Leistung eine Abwertung der Person wird.
Eine Schlagzeile, die einen Auftritt zum Desaster erklärt und vermeintliche Familiengespräche zur dramatischen Rettungsaktion macht, verschiebt den Blick. Plötzlich soll das Publikum darüber urteilen, ob ein Mensch noch auftreten darf. Dafür fehlen ihm sowohl die privaten Informationen als auch die Zuständigkeit.
Für eine queere Öffentlichkeit lohnt sich deshalb die Selbstprüfung: Verteidigen wir das Recht, anders zu leben, auch dann, wenn jemand älter wird und unsere Erwartungen verändert? Oder verlangen wir von unseren Ikonen am Ende ebenfalls, einer engen Norm zu entsprechen?
Auch eine Pause wäre kein Verrat
Eine mögliche neue Tour darf Vorfreude auslösen. Ebenso legitim wäre eine Entscheidung für weniger Auftritte oder eine Pause. Keine dieser Möglichkeiten würde die Bedeutung ihrer bisherigen Arbeit auslöschen.
Bis konkrete Pläne vorliegen, lässt sich die Ungewissheit aushalten. Madonna schuldet ihrem Publikum bei angekündigten Konzerten eine gute Show. Eine lebenslange Verpflichtung, sich immer wieder auf dieselbe Weise zu beweisen, schuldet sie ihm nicht.