Das Spektrum des Nicht-Begehrens
Wenn du dich schon mal gefragt hast, warum dich der ganze Hype ums Verlieben oder um Sex irgendwie kaltlässt – oder wenn du einfach mehr verstehen möchtest, was Asexualität und Aromantik bedeuten – dann bist du hier genau richtig. Diese beiden Orientierungen gehören ganz selbstverständlich zur queeren Community und zum LGBTQIA+-Spektrum. Das A in LGBTQIA+ steht ausdrücklich auch für Asexuell, Aromantisch und Agender – und nicht etwa nur für „Ally" (Verbündete*r), wie manchmal fälschlicherweise behauptet wird.
Asexualität und Aromantik werden oft in einem Atemzug genannt, sind aber zwei eigenständige Konzepte, die unabhängig voneinander vorkommen können. Der Schlüssel zum Verständnis liegt in einer Unterscheidung, die in unserer Gesellschaft selten gemacht wird: die Trennung von sexueller und romantischer Anziehung.
Sexuelle Anziehung beschreibt den Wunsch, mit jemandem Sexuelles zu erleben. Romantische Anziehung beschreibt das Verlangen, mit jemandem eine romantische Verbindung einzugehen – sich zu verlieben, zu kuscheln, eine Beziehung zu führen. Diese beiden Formen von Anziehung müssen nicht zusammenfallen. Jemand kann starke romantische Gefühle erleben, ohne sexuell angezogen zu sein – und umgekehrt.
Was bedeutet Asexualität – und was nicht?
Asexualität bezeichnet die Abwesenheit oder das Fehlen sexueller Anziehung gegenüber anderen Menschen – also fehlendes Interesse an Sex oder kein Verlangen nach sexueller Interaktion. Wichtig: Das ist kein medizinisches Problem und keine Störung. Im DSM-5, dem amerikanischen Diagnosesystem für psychische Störungen, wird eine Selbstidentifikation als asexuell explizit als Ausschlussgrund für die Diagnose einer sexuellen Appetenzstörung aufgeführt.
Ein häufiges Missverständnis: Asexualität ist nicht dasselbe wie sexuelle Abstinenz. Wer abstinent lebt, entscheidet sich bewusst gegen Sex – aber das Begehren ist trotzdem vorhanden. Asexuelle Menschen verspüren dieses Begehren schlicht nicht oder kaum. Asexuelle Menschen können trotzdem romantische Beziehungen anstreben, in Partnerschaften leben und Familien gründen. Ebenso kann Asexualität mit einer Libido – also einer allgemeinen körperlichen Erregbarkeit – einhergehen. Die Libido und die gerichtete sexuelle Anziehung zu einer anderen Person sind zwei verschiedene Dinge.
Asexuelle Menschen können sich zusätzlich als hetero-, homo-, bi- oder panromantisch identifizieren – je nachdem, welche romantischen Gefühle sie empfinden. Oder als aromantisch, wenn auch keine romantische Anziehung vorhanden ist.
Laut einer vielzitierten Studie des Sexualwissenschaftlers Anthony Bogaert aus dem Jahr 2004, basierend auf einer Befragung von rund 18.900 Britinnen und Briten, gaben etwa 1 Prozent an, noch nie sexuelle Anziehung empfunden zu haben. Die Forschung betont dabei, dass diese Zahl mit Vorsicht zu geniessen ist – sie basiert auf einer bestimmten Arbeitsdefinition und erfasst das gesamte asexuelle Spektrum inklusive Demisexualität und Grausexualität wahrscheinlich nur unvollständig. Eine Dalia-Research-Umfrage ergab, dass sich zwei Prozent der jungen Europäer zwischen 14 und 29 Jahren als asexuell bezeichnen.
Das Spektrum: Grausexualität, Demisexualität und mehr
Asexualität und Aromantik sind keine starren Kategorien, sondern Spektren. Für viele Menschen passen die Begriffe Grausexuell, Demisexuell oder Demiromantisch besser zu ihrer Erfahrung.
Grausexualität (auch: Grau-Ass, Gray-Ace) ist ein Sammelbegriff für alle Orientierungen, die zwischen asexuell und allosexuell liegen. Grausexuelle Menschen verspüren sexuelle Anziehung selten, schwach oder nur unter ganz bestimmten Umständen – zu selten oder zu wenig intensiv, um sich als allosexuell zu erleben. Der Begriff ist bewusst offen gehalten und lässt viel Raum für individuelle Erfahrungen.
Demisexualität ist eine Form der Grausexualität. Für demisexuelle Menschen entsteht sexuelle Anziehung erst durch eine enge emotionale Bindung – sie verlieben sich nicht in Fremde oder Personen, zu denen keine tiefe Beziehung besteht. Das kann eine enge Freundschaft sein oder eine lang gewachsene Verbindung. Viele Demisexuelle erleben in ihrem Leben sexuelle Anziehung – aber eben nicht auf den ersten Blick oder auf der Basis von äusserlichen Merkmalen allein.
Aromantik (Aro) beschreibt das Pendant zur Asexualität auf der romantischen Ebene. Wer aromantisch ist, verspürt keine oder kaum romantische Anziehung und hat kein oder wenig Bedürfnis nach romantischen Interaktionen. Auch Aromantik existiert auf einem Spektrum. Grauromantisch bedeutet, nur selten oder unter sehr spezifischen Umständen romantische Anziehung zu erleben. Demiromantisch bedeutet, dass romantische Anziehung erst nach dem Aufbau einer tiefen emotionalen Verbindung entstehen kann.
Als „apothiromantisch" bezeichnen sich Menschen, die Romantik oder bestimmte romantische Handlungen persönlich als abstossend empfinden. Nicht alle Aromantiker sind apothiromantisch – manche stehen romantischen Handlungen neutral oder sogar positiv gegenüber.
Weitere Begriffe, die im Spektrum gebräuchlich sind:
Aroace ist die gängige Kurzform für Menschen, die gleichzeitig aromantisch und asexuell sind. ASpec (von englisch aromantic and asexual spectrum) bezeichnet das gesamte Spektrum beider Orientierungen zusammen. QPR (Queerplatonische Beziehung) ist ein Beziehungsmodell, das besonders im Aroace-Spektrum verbreitet ist. Eine queerplatonische Beziehung ist eine enge Verbindung, die ausserhalb der traditionellen Grenzen von Romantik und Freundschaft liegt – intensiver als Freundschaft, aber ohne romantische Komponente.
Das Gegenteil von asexuell ist allosexuell (manchmal auch zsexuell), das Gegenteil von aromantisch ist alloromantisch. „Allo" stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäss „anders" oder „gegensätzlich".
Sichtbarkeit, Diskriminierung und was die Community braucht
Trotz des wachsenden Bewusstseins für queere Vielfalt ist das asexuelle und aromantische Spektrum in der breiten Gesellschaft und oft auch innerhalb der queeren Community selbst noch wenig bekannt. Das hat Folgen für Menschen, die sich auf diesem Spektrum befinden: Sie stossen häufig auf Unverständnis, erhalten ungebetene Ratschläge wie „Der oder die Richtige kommt schon noch" oder werden mit Aussagen konfrontiert, die ihre Orientierung als Phase, als Trauma-Reaktion oder als medizinisches Problem abqualifizieren. Dabei ist Asexualität keine Störung und kein Defizit, sondern eine normale Ausprägung menschlicher Sexualität.
Im Aro Census 2020 – einer Online-Umfrage unter Menschen auf dem aromantischen Spektrum – berichteten 82 Prozent der Befragten, dass die häufigste Diskriminierungserfahrung darin bestand, nicht ernst genommen, ignoriert oder abgewiesen zu werden. 48 Prozent berichteten von Versuchen oder Vorschlägen, sie zu „reparieren" oder zu „heilen". Das zeigt: Sichtbarkeit ist keine Kleinigkeit – sie kann den Unterschied machen zwischen einer jahrelangen, belastenden Selbstsuche und einem frühen, befreienden Moment des Erkennens.
Wer sich selbst auf dem Spektrum vermutet oder mehr erfahren möchte, findet Unterstützung und Gemeinschaft unter anderem bei AVEN (Asexual Visibility and Education Network, aven.net), bei AktivistA (aktivista.net, deutschsprachiger Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums), bei AktivAro (aromantik.de) sowie in der Schweiz bei Aroace.ch. Hier findest du Definitionen, persönliche Berichte, Selbsttests und Community-Angebote – auf Deutsch, inklusiv und ohne Schubladendenken.
Jede Erfahrung auf diesem Spektrum ist gültig. Ob du dir ganz sicher bist, noch suchst oder einfach neugierig bist – du gehörst dazu.