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Kirche und Homosexualität: Ein Skandalon!

© Freie Vereinigung Gegen Homophobie "Augen auf für Toleranz"

Kirche und Homosexualität: Ein Skandalon! Die Diskriminierung homosexueller Menschen hält unvermindert an, anders lässt es sich nicht bewerten, wenn man aktuelle Stellungnahmen der evangelischen und katholischen Kirche studiert. Selbst Papst Franziskus knickt inzwischen ein.

EKD, Homo-„Heiler“ und die finstere Homo-Lobby

Wird über die Diskriminierung von Homosexuellen durch die Kirche gesprochen, denkt man gemeinhin automatisch an die Katholische Kirche. Aber das ist falsch, denn in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und bei den Evangelikalen in Deutschland werden Homosexuelle ebenfalls zurückgesetzt. Mehr noch: Die Evangelische Kirche duldet in ihren Reihen Organisationen wie die „Offensive junger Christen“, die meint, Homosexuelle seien krank und bedürften somit einer „Heilung“. Als vor kurzem 20.000 Evangelikale in Stuttgart ihren Christustag feierten, wurde eines deutlich: Die „Evangelische Allianz“ ist gespalten zwischen denen, die Homosexualität ächten, und denen, die hier eine Liberalisierung einfordern. Die Ersteren, die die größte Gruppe stellen, fordern „eine strenge Auslegung der Bibel, wo über Homosexualität nur Schlechtes steht“, so ein Redner. Entgegnungen dahingehend, dass das Unsinn sei, wurden von dem Redner überhört, und er bleibe dabei, dass Homosexualität abzulehnen sei. Die Evangelikalen waren auch die ersten, die lauthals das EKD-Papier „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ ablehnten. Die Hetero-Ehe würde in diesem Papier nicht eindeutig gegenüber der Homo-Ehe bevorzugt, lautete die Kritik im Kern. „Wir stehen auf für die Stärkung der Ehe und gegen ihre Entwertung“, so steht es in einem Thesenpapier, das von rund 7.000 Frauen und Männern unterstützt wird, darunter sind 27, die im Hauptvorstand der Evangelischen Allianz, dem Dachverband der evangelikalen Bewegung in Deutschland, sitzen. Und: Man müsse die Welt „vor den finsteren Plänen der Homo-Lobby bewahren“, so ein weiterer Kritiker, der nicht genannt werden will. Bei solchen Sprüchen wundert es nicht, dass der Generalsekretär der „Evangelischen Allianz“, Hartmut Steeb, zweierlei allzu gerne betont: Dass er zehn Kinder habe, und dass von denen „glücklicherweise“ keines homosexuell sei. Für ihn sind Homosexuelle „eine schrille Minderheit“, was allerdings eher für die „Evangelische Allianz“ gilt, der die Jugend in Scharen davonläuft. So wie Floh Maier (30), Landesreferent für Öffentlichkeitsarbeit im Evangelischen Jugendwerk Württemberg. Seit er mit seinem Blog „Ich bin schwul“ sein Coming-out hatte, ist er in der „Evangelischen Allianz“ eine Persona non grata. Ein solches Unerwünschtsein könnte auch bald dem Evangelikalen Frank Heinrich widerfahren, der für die CDU Mitglied des Deutschen Bundestages ist und sich für mehr Rechte von Lesben und Schwulen einsetzt.

Die zwei Gesichter des Bischofs Ackermann

Und wie sieht es in der Katholischen Kirche aus? Die Hoffnung mancher Homosexueller ruh(t)en da auf Papst Franziskus, der auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien vor Journalisten die rhetorische Frage stellte, wer er denn sei, dass er einen Homosexuellen verurteilen dürfe. Und: „In Buenos Aires (dort war Franziskus vor seiner Wahl zum Papst Erzbischof – die Red.) habe ich Briefe von homosexuellen Personen erhalten, die ´soziale Wunden` sind, denn sie fühlten sich immer von der Kirche verurteilt. (…) Einmal hat mich jemand provozierend gefragt, ob ich Homosexualität billige. Ich habe ihm mit einer anderen Frage geantwortet: ´Sag mir: Wenn Gott eine homosexuelle Person sieht, schaut er die Tatsache mit Liebe an oder verurteilt er sie und weist sie zurück?`“ Und in der Jesuiten-Zeitung „Stimmen der Zeit“ betonte er, Gott habe die Menschen in der Schöpfung „frei“ gemacht. Solche Statements waren vollkommen neu, und sie ließen nicht wenige Gläubige in den kirchlichen Niederungen, die bisher davon ausgingen, man dürfe Homosexualität durchaus verurteilen, ihre Augen reiben. Für Eiferer steht die Homosexualität in einer Reihe mit anderen „No-Go!“ in der Katholischen Kirche wie Scheidung, Wiederheirat, Geburtenkontrolle, Abtreibung oder In-vitro-Fertilisation. Selbst das Zweite Vatikanische Konzil, das bis heute als Aufbruch stilisiert wird, hat in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ die Ehe als eine Gemeinschaft von Mann und Frau fixiert. Die „wahre Liebe zwischen Mann und Frau“ umfasse die gegenseitige Hingabe seiner selbst und schließe nach Gottes Plan die sexuelle Dimension und die Affektivität ein beziehungsweise integriere sie. So steht es da, und das schließt eine „wahre Liebe zwischen Mann und Mann“ oder eine „wahre Liebe zwischen Frau und Frau“ quasi automatisch aus, was manchen katholischen Fundamentalisten als Motiv für die Diskriminierung von Homosexuellen dient. Als Franziskus dann auch noch anwies, die Gläubigen sollten weltweit bis hinunter in die kleinste Pfarrei zur Sexuallehre der Kirche, zu der natürlich auch das Thema Homosexualität gehört, befragt werden, war die Verwirrung perfekt. Die inzwischen vorliegenden Ergebnisse der Umfrage, die in ein Arbeitspapier („Instrumentum laboris“) geflossen sind, ließen sich so zusammenfassen: Die Schäfchen interessieren sich wenig für die Sexuallehre der Katholischen Kirche oder stehen ihr skeptisch gegenüber. Darüber hinaus, auch dies ein Ergebnis, haben viele Katholiken überhaupt kein Problem mit Homosexuellen. Dies, sofern man die Basis ernst nimmt, setzt nun die Katholische Kirche unter argen Zugzwang, denn sie muss aus dieser Erkenntnis ja nun irgendwelche adäquaten Lehren ziehen. So müsste die strikte Ablehnung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften durch die Bischofskonferenzen auf den Prüfstand und neu justiert werden. Und die Priesteramtsanwärter, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen, diese aber nicht ausleben, was der Vatikan zwingend verlangt, müssten Priester werden dürfen. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann hat in einer SWR-Talkshow davon gesprochen, dass dies durchaus möglich ist. Der in derselben Talkshow sitzende Theologe Dr. David Berger („Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche“) berichtet allerdings, dass es Ackermann selbst gewesen sei, der verfügt habe, dass nach dem Bekenntnis eines jungen Priesteramtsanwärters zu seiner (unausgelebten) Homosexualität dieser noch am selben Tag das Priesterseminar verlassen musste. Überhaupt, so Berger weiter, sei es diskriminierend, dass in der Katholischen Kirche das Thema Homosexualität allzu gerne nieder geschwiegen werde. Den wesentlichen Grund hierfür lieferte Bischof Ackermann dann selbst, als er nach (!) der Talkshow in einem Gespräch mit Berger bekannte, er wollte halt keinen Ärger mit Rom und konservativen Kirchenkreisen bekommen – Mut sieht anders aus. Barmherzigkeit auch.

Die Homo-Ehe ist eine „irreguläre Lebenssituation“

Alois Glück, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hat ausgedrückt, dass auf der Grundlage von „Instrumentum laboris“ nunmehr „ein offener Dialog“ möglich sei. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus, denn die Kirche blendet in „Instrumentum laboris“ weiterhin rigoros aus, dass viele Schwule und Lesben ein glückliches Leben führen, und reagiert dafür mit blumigen Formulierungen wie die „Schönheit der Ehe“ – der Ehe zwischen Mann und Frau natürlich. Alles andere, also die Homo-Ehe oder die wilde Ehe, wird weniger blumig als „irreguläre Lebenssituationen“ abgetan. Und: „Dem Gewissen und der individuellen Freiheit wird die Rolle einer absoluten Wertinstanz zugeschrieben, die Gut und Böse festlegt.“ Wer das sein dürfte, dürfte klar sein: Die Katholische Kirche, die ganz offensichtlich überzeugt davon zu sein scheint, dass ihre Sexualmoral unantastbar sei. Und dass dies so bleiben müsse. Allenfalls gelte es, diese katholische Lehre besser zu erklären, wobei „Instrumentum laboris“ die Frage danach offen lässt, ob die Priester diese zu schlecht erläutern, oder aber die Schäfchen auf den Kirchenbänken schlicht zu dumm sind, diese zu kapieren. Und so dürfen Geistliche wie Professor Pater Wolfgang Spindler weiterhin ungestraft vor sich her hetzen. Beim diesjährigen politischen Aschermittwoch der CSU etwa sagte er, er sei mit der Gleichstellung der Homo- mit der Hetero-Ehe nicht einverstanden, und lieferte dann folgende Begründung: „Warum werden Privilegien an sexuelle Ausrichtung geknüpft? Wird bald auch Sodomie anerkannt?“ Homosexualität wird also auf die gleiche Stufe wie der Sex mit Tieren gestellt, eine ungeheuerliche Aussage, die auf jeden Fall ein Widerspruch ist zu der offiziellen Verkündigung der Katholischen Kirche, wonach Homosexuellen mit „Respekt“ zu begegnen sei. Das immerhin ist neu und eine Steigerung zur alten Formulierung „Achtung, Mitleid und Takt“. Jetzt ist selbst noch die Hoffnung auf ein Machtwort von Papst Franziskus zerstoben. Auf die Frage, wie der Papst seine Aussage auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien denn genau gemeint habe, und ob es gar als eine Aufmunterung an die Adresse der Homosexuellen zu werten sei, antwortete der Pontifex: „Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt, als ich auf dem Rückflug von Rio de Janeiro den Journalisten antwortete.“ Wahrhafte Bekenntnisse werden anders formuliert…

Written by Holger Doetsch

Holger Doetsch ist Bankkaufmann, Redakteur und Autor verschiedener Bücher, unter anderem "Elysander" und "Ein lebendiger Tag". Im Journalismus kennt er alle Seiten des Tischs, er publiziert in mehreren Zeitungen und Onlinemedien, war Pressesprecher (u. a. in der letzten DDR-Regierung) und unterrichtet seit 1995 Journalismus, PR sowie Rhetorik an verschiedenen Hochschulen.

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