Das Spektrum jenseits von Mann und Frau
Du fühlst dich weder ganz als Mann noch ganz als Frau – oder vielleicht überhaupt nicht als eines von beiden? Du bewegst dich irgendwo dazwischen, darüber hinaus, oder hast das Gefühl, dass diese zwei Kategorien dein Innenleben schlicht nicht abbilden? Dann bist du nicht allein – und du bist auf queerpride.de genau richtig.
Nicht-binär, auch Non-Binary oder kurz Enby (aus den englischen Buchstaben N und B) geschrieben, ist ein Sammelbegriff für alle Geschlechtsidentitäten, die ausserhalb des binären Systems von „Mann“ und „Frau“ liegen. Es handelt sich dabei nicht um eine einzelne, fest definierte Identität, sondern um einen Überbegriff, der eine riesige Vielfalt unterschiedlicher Erfahrungen und Selbstverständnisse zusammenfasst. Nicht-binäre Identitäten sind dabei keine neue Erfindung: Kulturen rund um die Welt haben seit Jahrhunderten Menschen anerkannt, die sich ausserhalb binärer Geschlechterkategorien verorten – von den Two-Spirit-Identitäten indigener Völker Nordamerikas bis zu den Hijra in Südasien und den Fa’afafine in Polynesien. Erst durch den christlich geprägten Kolonialismus wurden diese Identitäten in vielen Gesellschaften verdrängt und unsichtbar gemacht.
Ein weiterer wichtiger Grundsatz: Nicht-binäre Geschlechtsidentität hat nichts mit sexueller Orientierung zu tun. Nicht-binäre Menschen können hetero-, bi-, pan-, homo- oder asexuell sein – genauso vielfältig wie die Gesamtbevölkerung.
Die wichtigsten Identitäten im nicht-binären Spektrum
Weil nicht-binär ein so breiter Begriff ist, lohnt es sich, die wichtigsten Ausprägungen genauer zu betrachten. Viele Menschen auf dem Spektrum verwenden einen oder mehrere dieser Begriffe, um ihre Erfahrung präziser zu beschreiben – andere begnügen sich mit dem Oberbegriff „nicht-binär“ oder „genderqueer“.
Genderqueer ist einer der ältesten Begriffe für nicht-binäre Identitäten und wurde bereits in den 1990er Jahren geprägt. Er entstand aus der Queer-Bewegung heraus und trägt deren anti-normatives, politisch bewusstes Erbe in sich. Für viele Menschen, die sich als genderqueer verstehen, geht es nicht nur um die eigene Identität, sondern um eine grundsätzliche Ablehnung oder Hinterfragung des gesamten binären Geschlechtersystems. Genderqueer und nicht-binär werden zwar oft synonym benutzt, haben aber unterschiedliche Bedeutungsnuancen: Genderqueer betont stärker den politisch-subkulturellen Kontext, nicht-binär ist neutraler und breiter gefasst.
Agender bedeutet, sich ohne Geschlecht zu fühlen – oder genauer gesagt: Geschlecht spielt für die eigene Identität keine Rolle. Agender Menschen verorten sich ausserhalb des Spektrums zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, nicht weil sie irgendwo dazwischen lägen, sondern weil die Kategorie Geschlecht für sie schlicht nicht zutrifft.
Genderfluid bezeichnet eine Geschlechtsidentität, die sich verändert – mal fühlt man sich weiblicher, mal männlicher, mal keines von beiden, mal beides auf einmal. Diese Veränderungen können täglich geschehen, in unregelmässigen Abständen oder abhängig von bestimmten Situationen. Genderfluid ist eine Untergruppe von nicht-binär, auch wenn manche genderfluid Menschen sich auch mit männlich oder weiblich identifizieren und sich deshalb nicht unbedingt als nicht-binär bezeichnen.
Bigender bedeutet, sich mit zwei Geschlechtern zu identifizieren – klassischerweise mit weiblich und männlich, aber auch mit anderen Kombinationen. Manchmal wechseln bigender Menschen zwischen diesen Identitäten, manchmal erleben sie beide gleichzeitig. Trigender und Pangender erweitern das Konzept: Trigender steht für drei Geschlechter, pangender für viele oder alle möglichen Geschlechter.
Neutrois bezeichnet eine Identität, die weder männlich noch weiblich ist und sich explizit als drittes, eigenständiges Geschlecht versteht – kein Mittelweg zwischen den beiden, sondern etwas Eigenes.
Demigender beschreibt eine Teilzugehörigkeit zu einem Geschlecht. Wer sich als Demigirl identifiziert, fühlt sich teilweise als weiblich, der andere Teil ihrer Identität gehört einem anderen Geschlecht an oder ist agender. Spiegelbildlich gilt das für den Demiboy. Im Gender Census 2021 – einer internationalen Umfrage unter nicht-binären Menschen – bezeichneten sich 9 Prozent der Befragten als Demigirl und 7 Prozent als Demiboy.
Demiflux wiederum beschreibt eine Mischung: eine stabile nicht-binäre Basisidentität, bei der die Intensität anderer Geschlechtsanteile schwankt. Polygender oder Multigender bezeichnet das Erleben mehrerer Geschlechter gleichzeitig.
GenderFuck und Genderfuck sind Begriffe, die die gesamte Idee von Geschlechterrollen und -identitäten aktiv und provokativ ablehnen – weniger eine Beschreibung der eigenen Identität, mehr eine politische Haltung gegenüber dem System.
Nicht vergessen: Viele nicht-binäre Menschen nutzen keinen oder mehrere dieser Begriffe gleichzeitig, oder verwenden sie in ihrer eigenen, individuellen Art und Weise. Laut einer grossen US-amerikanischen Trans-Umfrage (U.S. Transgender Survey) wurden in einem einzigen Erhebungsdurchgang über 500 verschiedene Eigenbezeichnungen für Geschlechtsidentitäten angegeben.
Pronomen, Sprache und rechtliche Situation in Deutschland
Wie spricht man über nicht-binäre Menschen, wenn man nicht von ihnen weiss, welche Pronomen sie bevorzugen? Die einfachste Antwort ist: fragen. Nicht-binäre Menschen verwenden in Deutschland sehr unterschiedliche Pronomen. Manche mögen „sie“, andere „er“, wieder andere neutrale Formen wie „dey“ (angelehnt an das englische they), „xier“ oder andere selbstgewählte Neologismen. Manche bevorzugen die vollständige Vermeidung von Pronomen und lieber die direkte Ansprache mit dem Vornamen. Auch die Ansprache mit einem Sternchen (sie*) oder Unterstrich (sie_) ist gebräuchlich.
Im Englischen hat sich das singularische „they“ als das meistverwendete Pronomen für nicht-binäre Menschen etabliert – und das ist keineswegs eine Neuheit: Das Oxford English Dictionary führt das singularische „they“ schon seit Langem, und die American Dialect Society wählte es 2019 zum Wort des Jahrzehnts.
Die rechtliche Situation in Deutschland hat sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Seit Dezember 2018 können Menschen neben „männlich“ und „weiblich“ auch „divers“ oder gar keinen Geschlechtseintrag wählen. Bis November 2024 waren dafür jedoch aufwendige gerichtliche Verfahren oder ärztliche Nachweise nötig. Mit dem Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes (SBGG) am 1. November 2024 – das das bisherige Transsexuellengesetz (TSG) ablöst – können transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen ihren Vornamen und Geschlechtseintrag nun durch eine persönliche Erklärung beim Standesamt ändern lassen, ohne Gutachten, Gericht oder Arztnachweis. Diese Erklärung muss drei Monate im Voraus angemeldet werden. Allein im ersten Monat nach Inkrafttreten des Gesetzes liessen über 7.000 Menschen ihren Geschlechtseintrag ändern – deutlich mehr als die ursprünglich geschätzten 4.000 pro Jahr.
Laut dem Zensus 2022 haben sich zum Stichtag 15. Mai 2022 insgesamt 969 Personen offiziell als „divers“ eingetragen – eine Zahl, die jedoch die Realität stark unterschätzt, da viele nicht-binäre Menschen ihren Eintrag damals noch nicht oder nicht ohne Hürden ändern konnten oder wollten. Die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit (dgti) schätzt den Bevölkerungsanteil nicht-binärer Menschen auf rund 0,2 Prozent. Nicht-binäre Menschen, die reisen, sollten zudem wissen: Ein Geschlechtseintrag „divers“ oder kein Eintrag im Pass kann in manchen Ländern zu Problemen führen. Es besteht die Möglichkeit, einen zweiten Reisepass mit einem binären Eintrag zu beantragen, um sicheres Reisen zu ermöglichen.
Das Oberlandesgericht Frankfurt hat 2020 ausserdem in einem wegweisenden Urteil festgestellt, dass das Recht auf Schutz der Persönlichkeit für nicht-binäre Menschen bereits ab der Selbstidentifikation gilt – nicht erst nach einer Personenstandsänderung. Online-Formulare, die nur „Herr“ oder „Frau“ anbieten, verstossen demnach gegen dieses Recht. Stattdessen müssen eine neutrale Grussformel oder weitere Optionen angeboten werden.
Sichtbarkeit, Diskriminierung und Community
Nicht-binäre Menschen sind in der Öffentlichkeit zunehmend sichtbar. In der Kultur sind es etwa Buchpreisträgerin Kim de l’Horizon (Deutscher Buchpreis 2022) oder Musikschaffende wie Sam Smith und Demi Lovato, die offen nicht-binär sind. Dass diese Sichtbarkeit gesellschaftlich wichtig ist, zeigen auch die Zahlen zur Beratungsnachfrage: Der Anteil nicht-binärer Menschen in der Trans- und Inter*-Beratung steigt laut Expertinnen und Experten stark an.
Gleichzeitig erleben nicht-binäre Menschen nach wie vor vielfältige Diskriminierung – von Unverständnis im Alltag über Missgendering (also die Ansprache mit falschen Pronomen) bis hin zu rechtlichen Lücken: Das deutsche Abstammungsrecht etwa kennt nur „Mutter“ und „Vater“, nicht-binäre Elternteile müssen teils die eigenen Kinder als Stiefkinder adoptieren, um rechtlich als Elternteil zu gelten. Verbände wie der LSVD fordern hier längst überfällige Reformen.
Ob du selbst auf dem nicht-binären Spektrum bist, ob du jemanden kennst, den du besser verstehen möchtest, oder ob du einfach neugierig bist – Anlaufstellen und Community-Angebote findest du unter anderem beim LSVD (lsvd.de), bei nonbinary.ch (für die Schweiz), beim Queer Lexikon (queer-lexikon.net) und beim NBIN – Netzwerk für nicht-binäre Personen (nbin.org). Hier gibt es persönliche Berichte, Glossare, Beratungsangebote und Community-Austausch.
Kein Label muss perfekt passen. Wer du bist, weisst nur du selbst.
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