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Die Flucht aus dem Badezimmerfenster

wenn einem das normale Leben zu viel wird …

Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Sonntagnachmittag im Sommer 2004. Die Sonne schien, als ich mit meinem Kumpel Lew in einem Café auf der Old Compton Street in London saß. Wir waren beide unbeschwert und genossen das Leben. Plötzlich meinte Lew, dass wir es als schwule Männer eigentlich sehr leicht hätten, da es in unserem Leben nicht viele Verpflichtungen gäbe. Und in diesem Moment sprach Lew von den Verpflichtungen, mit denen sich die Hetero Gemeinde arrangieren muss. 

Ich selbst war damals ein MBA Student, der sich mit Studentenjobs über Wasser hielt und stimmte vollkommen mit Lew überein. So wie die meisten von uns liebte ich die Londoner Gay und Party Szene, ich liebte meine Freunde und mich selbst. Die Home-Ehe und Regenbogenfamilien waren für uns damals noch kein Thema. Das normale Leben schien nicht viel mit unserem eigenen Lebensstil gemeinsam zu haben und irgendwie war uns der Gedanke daran völlig fremd. Das war im Sommer 2004. 

Als ich 15 Jahre später am letzten Wochenende im Kino den Film „Where`d you go, Bernadette“ anschaute, erinnerte ich mich für einen Moment an mein damaliges Studentenleben in London, das mit meinem jetzigen Leben nicht mehr viel zu tun hat. Eine, die irgendwann vor dem sogenannten „normalen“ Leben flüchtet, ist Bernadette Fox in dem besagten Film, die von der zweifachen Oscar Preisträgerin Cate Blanchett auf eine sehr überzeugende Art und Weise verkörpert wird. 

Bernadette Fox war vor 20 Jahren eine der erfolgreichsten Architektinnen. Doch als Bernadette schließlich heiratet und nach 4 Fehlgeburten eine Tochter zur Welt bringt, wird die Karriere der eigentlich so kreativen Bernadette Fox auf Eis gelegt. Mit dem Umzug in das regnerische Seattle macht sie sich keinen Gefallen und als ihre Tochter Bee zum Teenager wird und kurz davor steht, das Elternhaus für ein Internat zu verlassen, beginnt Bernadette`s Mann Elgin sich Sorgen um seine Ehefrau zu machen. 

Bernadette hasst es, das Haus zu verlassen und Bernadette hasst Leute im Allgemeinen und die anderen Eltern an der Schule ihrer Tochter im Besonderen. Mit der Nachbarin Audrey, die eine dieser perfekten Vorzeige Mamis ist, vor der wir alle irgendwie Angst haben, kommt es nach einem von Bernadette „provozierten“ Erdrutsch, der in Audrey`s Wohnzimmer endet und ihr Zuhause verwüstet, zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen Bernadette und Audrey. 

Als Elgin auffällt, dass Bernadette die Schlaftabletten der letzten Jahre nicht eingenommen und stattdessen komplett aufbewahrt hat, fragt er sich, ob sie Selbstmordgedanken hat. Und als Elgin Bernadette in Anwesenheit einer Psychologin eröffnet, dass sie nicht mit ihm und der geliebten Tochter Bee in die Antarktis fahren und stattdessen in eine Klinik eingewiesen wird, überschlagen sich die Ereignisse. Bernadette nutzt einen günstigen Moment und springt aus dem Fenster des Badezimmers. Sie lässt ihr normales Leben zurück, was schließlich die Frage aufwirft und den Titel des Filmes aufgreift „Where`d you go, Bernadette?“ 

Mein eigenes Leben hat sich so wie das Leben vieler meiner Freunde über die Jahre verändert. Irgendwann waren wir keine Studenten mehr und fanden uns in unseren Traumjobs wieder, die nicht nur mit guten Gehältern, sondern auch Überstunden, Karrierestress und Druck verbunden waren. Und als es dann möglich war, unsere Partner zu heiraten, Familien zu gründen und Eltern von Kindern zu werden, geriet das eigene Leben immer mehr in den Hintergrund. 

Auf einmal interessiert sich die Gesellschaft nicht mehr für unsere Karrieren und es gibt keinen Beifall, wenn wir den Marathon laufen oder uns für die AIDS Hilfe einsetzen und Spendengelder sammeln. Stattdessen kommt das sogenannte normale Leben mit seinen eigenen Herausforderungen und Frustrationen; und diejenigen von uns, die über die Leihmutterschaft, Adoption oder Pflegekinder Eltern geworden sind, werden irgendwann erkennen, dass vom eigenen Leben nicht viel übrig geblieben sind. 

Aehnlich wie Bernadette Fox lieben schwule Väter wie ich unsere Kinder über alles. Aber wenn wir zum 20. Kindergeburtstag eingeladen werden und erkennen, dass wir mit den anderen Eltern eigentlich nichts gemeinsam haben und die langweiligen Gespräche zur Tortur werden, sind wir auf einmal dankbar, dass es auf diesen Birthday Parties nicht nur Pizza und Kuchen für die Kleinen, sondern auch jede Menge Wein und Bier für die Erwachsenen gibt. 

Wir können nicht so einfach aus dem Badezimmerfenster springen und davon laufen. Das reale Leben sieht anders aus, aber auch im realen Leben gibt es so viele Möglichkeiten, Erfüllung zu finden oder sich abzulenken und ich meine in diesem Moment nicht die Weinflaschen, die auf den Kindergeburtstagen im Überfluss angeboten werden. 

Und so kommt Bernadette Fox wieder ins Spiel, die nicht einfach so davon läuft, sondern ein klares Ziel hat. So macht sich Bernadette auf den Weg in die Antarktis. Als sie von einem Bauprojekt erfährt, spürt sie endlich wieder diese ungeheure Lebensfreude und Leidenschaft und bekommt schließlich den Auftrag, eine Station am Süd Pol zu bauen. 

Bernadette`s Familie hat sich in der Zwischenzeit auf die Suche nach ihr gemacht und steht hinter ihr, als Bernadette versucht, Elgis und Bee Zuhause anzurufen, um diese um ihre Zustimmung zu bitten. Elgin und Bee erkennen, wie wichtig diese zweite Chance und Herausforderung für Bernadette sind und steht vollkommen hinter ihr. Die Drei fallen sich in die Arme und finden als Familie wieder zusammen. 

Auch wenn es nur die wenigsten zugeben würden, ergeht es vermutlich den meisten von uns ähnlich wie Bernadette. Aber ich denke oft, dass diejenigen, die verrückt sind, nicht Menschen wie Bernadette oder der Rest von uns sind, sondern eher das normale Leben um uns herum, das häufig von uns verlangt, unsere eigenen Träume aufzugeben und unsere eigenen Bedürfnisse nach hinten zu stellen. 

Ich liebe mein eigenes normales Leben mit Kind und Karrieren, aber auch ich musste Mittel und Wege finden, um mich dafür vollkommen zu begeistern und ich war nie bereit, mein eigenes Leben vollkommen aufzugeben und einen Platz in der zweiten Reihe einzunehmen. 

Glücklicherweise habe ich eine Tochter, die viele meiner Interessen teilt und durch die ich selbst sehr viel lernen kann. Und wenn sie in der Schule auf der Bühne steht, dann bin ich einer der Väter, die nicht stolzer sein oder lauter Beifall rufen könnten. 

Aber ein kluger Freund hat mir einmal gesagt, dass man sich als Partner oder Vater nicht nur genug Zeit für den Partner oder das Kind nehmen sollte, sondern vor allem für sich selbst und nur weil wir älter werden und plötzlich mehr Verpflichtungen haben, es nicht bedeuten muss, dass wir aufhören zu existieren. 

Und so wie Bernadette Fox es auch getan hat, ist es manchmal gar keine schlechte Idee, uns zu fragen, was aus uns selbst und unserem Leben geworden ist, bevor wir uns entscheiden, was wir als Nächstes mit unserem Leben anstellen werden. 

Zum Autoren: Der Autor und Banker Derek Meyer lebt mit seiner Tochter in New York City und engagiert sich seit 2010 aktiv im Kampf gegen AIDS. Seine Bücher „Coming Out in New York“, „Baby, Fame & Inspiration“ und „Live as Heroes“ sind im Handel erhältlich. 

Kontakt: derekmeyer.nycity@yahoo.com 

Written by Derek Meyer

Derek Meyer wird im Rahmen einer Artikel Serie über das Leben in New York schreiben. Er hatte bereits in seinem Debüt Roman „Coming Out in New York“ die Auf und Abs des Lebens in der New Yorker Gay Szene beschrieben und meldete sich knapp 2 Jahre später mit seinem zweiten Buch „Baby, Fame & Inspiration“ zurück. Beide Bücher sind auf www.tredition.de und Amazon erhältlich.

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