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Coming Out – Von Wilhelm II bis Clemens Schick

Nun also auch der Schauspieler Clemens Schick. Die Liste derer, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen, wird länger und länger. Manche haben es allerdings nicht freiwillig getan…

Schon André Gide outete sich

„Ich äußere mich zu meiner Homosexualität, weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte“ – mit diesem Satz in einem Interview mit der ZEIT machte der Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger zu Beginn des Jahres deftige Schlagzeilen. Zwar ist es zu dieser gewollten Diskussion nicht wirklich gekommen, doch wird die Liste derer, die ihr Coming Out haben, fast monatlich länger und länger und länger. Dass Clemens Schick jetzt zugegeben hat, schwul zu sein, hat dabei allerdings nicht wenige verwundert, hat man Schick doch als brillanten Filmbösewicht vor Augen. Die Geschichte des Coming Out reicht mindestens bis in die Zeit von Heinrich III. von Frankreich (1551 – 1589) zurück, der kaum eine Gelegenheit ausließ, sich mit seinen „Mignons“ (hübsche Knaben) öffentlich zu zeigen und sie dabei gar zu küssen. Friedrich der Große (1712 – 1786) gab seinen Pagen per Taschentuchwurf zu verstehen, dass er sie allzu gerne in der Nacht in seinem Schlafzimmer wiedersehen möchte, und sein jüngerer Bruder Heinrich (1726 – 1802) sprach ganz offen von seiner Homosexualität, was gemäß des bekannten Bonmots des Alten Fritz, wonach jeder nach seiner Façon glücklich sein soll – am Hofe niemanden gestört haben soll. Auch der weltberühmte Schriftsteller André Gide (1869 – 1951) outete sich selbst, seine Homosexualität beschrieb er in seiner Autobiographie „Stirb und werde“ aus dem Jahre 1921 recht offen. Mehr noch, die entsprechenden Stellen in dem Buch können gar als ein Plädoyer für die Homosexualität gelesen werden, was in der damaligen Zeit durchaus mutig war. Gleichwohl kommt das Wort „homosexuell“ in seinen Bekenntnissen nicht einmal vor, Gide bezeichnete sich selbst als „Päderast“.

Coming Out und Zwangsouting

Lang ist aber auch die Liste derer, die ihr Coming Out nicht freiwillig durchlebten, sondern von anderen Personen zwangsgeoutet wurden. Los ging es in der Französischen Revolution mit Marie Antoinette, der von ihren zahlreichen Feinden in der französischen Oberschicht hartnäckig ein Verhältnis mit Prinzessin Lamballe nachgesagt wurde. Genauer gesagt warf man der Königin vor, eine „widernatürliche Leidenschaft“ (das Wort „lesbisch“ gab es zu dieser Zeit noch nicht) in sich zu tragen und diese auch auszuleben, weshalb viele im französischen Adel ihre Nase rümpften. Ein weiteres prominentes Opfer des Zwangsoutings war Kaiser Wilhelm II., dem im Zuge der „Eulenburg-Affäre“ von dem Journalisten Maximilian Harden homosexuelle Handlungen mit seinem Intimus Philipp Fürst zu Eulenburg unterstellt wurden. Daraufhin ließ der Kaiser sämtliche homosexuellen Freunde fallen, auch Eulenburg wurde vom Hofe verbannt, er starb als ein gebrochener Mann. Hardens Kampagne gilt bis heute als die widerlichste Form eines Outings, wobei die Aktivitäten des schwulen Filmemachers Rosa von Praunheim durchaus das Zeug hätten, mitzuhalten. In der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“ outete von Praunheim 1991 gleich drei bekannte TV-Stars, Hape Kerkeling, Alfred Biolek und Götz George. Die beiden Erstgenannten gaben bald zu, homosexuell zu sein, von Götz George hört man bis heute zu diesem Thema nichts. Von Praunheims Aktion führte damals zu einem Sturm der Entrüstung, doch er weigert sich bis heute, sich für das Zwangsouting zu entschuldigen.

Thomas Mann und die homosexuellen Kinder

Thomas Mann wurde nie öffentlich geoutet, er tat es in seinen Tagebüchern selbst. Nicht umsonst erlitt er eine Panikattacke, als ein Koffer mit seinen Tagebüchern verloren ging. Mann befürchtete, die Nazis könnten das Gepäckstück haben und so von seiner Bi- beziehungsweise Homosexualität erfahren. Konfrontiert war er fast ständig mit diesem Thema, waren doch seine Kinder Erika und Klaus homosexuell. Doch wusste Thomas Mann natürlich, was er tat, als er seine Tagebücher mit einer Sperrfrist versah. Sie durften erst zwanzig Jahre nach seinem Tode veröffentlicht werden, was denn auch geschah. Ein Zwischenspiel zwischen selbstgewählten Coming Out und Zwangsouting konnte man bei Klaus Wowereit beobachten. Wowereit wollte sich 2001 eigentlich nicht outen, erfuhr aber im Zuge seiner Kandidatur für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, dass ein Springer-Blatt dies übernehmen wolle. Er stand somit mit dem Rücken zur Wand und formulierte während des Nominierungsparteitages der SPD jenen berühmten Satz „Ich bin schwul, und das ist auch gut so, liebe Genossinnen und Genossen!“ Unvergessen, wie da dem Tagungspräsidenten Wolfgang Thierse die Gesichtszüge entglitten. Wowereits Coming Out war der Beginn vieler Politikerbekenntnisse, es folgten zum Beispiel Guido Westerwelle, der sein Coming Out während eines Festakts zum 50. Geburtstag von Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte (Frau Merkel bat Westerwelle und seinen Mann in die erste Reihe), sowie Ole von Beust in Hamburg oder die derzeitige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. Ole von Beust nutzte übrigens eine besondere Form für sein Coming Out, indem dies sein in Hamburg hoch geschätzter und inzwischen verstorbener Vater Achim-Helge Freiherr von Beust in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ übernahm, in dem er unter anderem vom Partner seines Sohnes schwärmte. Ole von Beust gab danach zwar zur Kenntnis, er sei aus allen Wolken gefallen, als er von dem Vater-Interview erfuhr, doch abgenommen hat ihm das gespielte Entsetzen kaum jemand.

Written by Holger Doetsch

Holger Doetsch ist Bankkaufmann, Redakteur und Autor verschiedener Bücher, unter anderem "Elysander" und "Ein lebendiger Tag". Im Journalismus kennt er alle Seiten des Tischs, er publiziert in mehreren Zeitungen und Onlinemedien, war Pressesprecher (u. a. in der letzten DDR-Regierung) und unterrichtet seit 1995 Journalismus, PR sowie Rhetorik an verschiedenen Hochschulen.

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