Queere Jugendarbeit bedeutet weit mehr als politische Debatten oder öffentliche Sichtbarkeit. Sie beginnt dort, wo junge Menschen Sicherheit Vertrauen und Zugehörigkeit suchen. Barak Ganor, Vice President Global Partnerships bei Israel Gay Youth, gibt im Interview einen tiefen Einblick in die Lebensrealitäten queerer junger Menschen in Israel. Er spricht über alltägliche Sorgen über Vielfalt innerhalb der Community über gemeinsame Erfahrungen queerer Jugendlicher in Israel und Deutschland und darüber, was ihm trotz vieler Herausforderungen Hoffnung für die nächste Generation gibt.
Interview mit Barak Ganor, Vice President Global Partnerships, Israel Gay Youth
Wenn du an die jungen Menschen denkst, mit denen du bei Israel Gay Youth arbeitest: Was beschäftigt sie derzeit am meisten abseits der großen politischen oder gesellschaftlichen Debatten?
Jenseits der großen Schlagzeilen höre ich vor allem eine sehr persönliche Form von Unsicherheit:
„Bin ich sicher, wenn ich sichtbar bin?“
„Wird meine Familie mich akzeptieren?“
„Gibt es wenigstens einen erwachsenen Menschen, dem ich vertrauen kann?“
Viele junge Menschen jonglieren gleichzeitig mit schulischem Druck Einsamkeit Ängsten und Fragen zur eigenen Identität. Dazu kommen ganz alltägliche Sorgen, die simpel klingen aber enorm sind: Freundschaften finden einen Ort haben an dem man dazugehört und die eigene Zukunft planen können ohne ständig mögliche Risiken im Blick behalten zu müssen.
Israel ist eine sehr vielfältige Gesellschaft. Wie zeigt sich diese Vielfalt in deiner täglichen Arbeit mit queeren jungen Menschen?
Diese Vielfalt ist jeden Tag spürbar durch Sprache Kultur Religion und sehr unterschiedliche Realitäten von Sicherheit und Freiheit. Bei IGY arbeiten wir mit jüdischen und arabischen Jugendlichen mit religiösen und säkularen Communities mit Jugendlichen aus dem Zentrum und aus der Peripherie mit Neuimmigrantinnen und Neuimmigranten sowie mit sehr unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründen.
Vielfalt ist für uns kein Schlagwort sie bestimmt die Art wie wir Programme entwickeln. Dasselbe Thema Coming out Beziehungen familiäre Erwartungen sieht für eine junge Person aus einer religiösen Community völlig anders aus als für einen arabischen queeren jungen Erwachsenen oder für einen Teenager aus einer Kleinstadt in der jeder jeden kennt. Deshalb investieren wir bewusst in maßgeschneiderte Angebote kultursensible Begleitung und geschützte Räume die Vertraulichkeit wahren und die jeweiligen Risiken ernst nehmen.
Was brauchen junge queere Menschen deiner Erfahrung nach am meisten um sich gesund zu entwickeln und welche Rolle spielen Werte wie Respekt Offenheit und gegenseitige Verantwortung dabei?
Junge queere Menschen brauchen Resilienz und diese entsteht aus drei Elementen: Identität Gemeinschaft und Handlungsfähigkeit.
Identität bedeutet Sprache und Legitimation für das eigene Sein zu haben ohne Scham die eigene Geschichte zu verstehen und sich nicht in akzeptable und versteckte Teile aufspalten zu müssen.
Gemeinschaft bedeutet Zugehörigkeit zu einer sicheren Gruppe in der man gesehen unterstützt und nicht allein ist. Dort entsteht Vertrauen und dort lernen junge Menschen Fürsorge zu empfangen und weiterzugeben.
Handlungsfähigkeit heißt sich kompetent zu fühlen praktische Fähigkeiten zu entwickeln Selbstvertrauen aufzubauen und echte Möglichkeiten zu haben Entscheidungen zu treffen Grenzen zu setzen und die eigene Zukunft zu gestalten auch in Form von Leadership.
Respekt schützt Würde Offenheit schafft Raum für Komplexität und Unterschiedlichkeit und gegenseitige Verantwortung macht aus einer Gruppe erst eine echte Community in der Resilienz wachsen kann.
Wo siehst du gemeinsame Werte oder Erfahrungen zwischen queeren jungen Menschen in Israel und Deutschland? Und was kann die queere Community in Deutschland aus eurer Arbeit lernen?
Queere junge Menschen in beiden Ländern teilen den Wunsch authentisch und sicher zu leben und als ganze Menschen wahrgenommen zu werden nicht nur als politisches Thema. Sie erleben ähnliche Herausforderungen im Umgang mit Familie Schule mentaler Gesundheit und dem Druck von Sichtbarkeit.
Eine wichtige Erfahrung aus unserer Arbeit ist die Bedeutung einer starken Community Infrastruktur. Wenn man lokale Gruppen aufbaut Ehrenamtliche ausbildet und Wege vom Teilnehmen hin zur Verantwortung schafft entsteht eine Bewegung die Menschen auch durch schwierige Zeiten trägt.
Ein weiterer zentraler Punkt ist Pluralismus innerhalb der queeren Community selbst. In Israel arbeiten wir ständig über tiefe Unterschiede hinweg religiös und säkular jüdisch und arabisch Zentrum und Peripherie. Dabei haben wir gelernt dass Inklusion Gestaltung braucht nicht nur gute Absichten. Wenn wirklich alle am Tisch sitzen sollen muss der Tisch anders gebaut werden.
Was gibt dir persönlich Hoffnung wenn du an die nächste Generation queerer Jugendlicher denkst?
Hoffnung gibt mir wie schnell junge Menschen Schmerz in Fürsorge und Isolation in Gemeinschaft verwandeln. Selbst in sehr schwierigen Zeiten sehe ich Jugendliche und junge Erwachsene Verantwortung übernehmen Netzwerke aufbauen sich gegenseitig schützen und mit unglaublichem Mut auf Würde bestehen.
Ich bin auch deshalb hoffnungsvoll weil sich Einstellungen oft schneller verändern als wir denken wenn junge Menschen Sprache Vorbilder und sichere Räume haben. Wenn jemand sagt „Diese Gruppe ist der erste Ort an dem ich atmen kann“ dann ist das Hoffnung. Und wenn diese Person später selbst jemand anderem hilft zu atmen dann ist das die Zukunft die wir aufbauen.