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Aktionsbündnis und CSD – Schadensbegrenzung? Neuanfang!

Ach, was war das doch für ein schöner Beschluss, den das CSD-Aktionsbündnis im Verlaufe seines 6. Treffens am 25. Mai 2014 gefällt hat: „Grundsätzliche Übereinstimmung gab es, dass auf wertschätzende Kommunikation geachtet werden muss und keine gegenseitigen Herabsetzungen erfolgen.“ Oh, welch‘ hehren Worte, denen 35 Menschen dann auch beseelt folgten. Doch die Wahrheit sieht anders aus: In den letzten Wochen seit dem CSD wurde ein mächtiger Scherbenhaufen angerichtet. Aktionsbündnis und CSD – schon längst geht es nicht mehr um Schadensbegrenzung, sondern es geht sowohl beim Aktionsbündnis, als auch beim Verein „Berliner CSD e. V.“ um einen radikalen Neuanfang!

Aktionsbündnis : Abgründe tun sich auf!

Es scheint so eine Art Naturgesetz zu sein. Befinden sich mehr als fünf Homosexuelle in einem Raum, dann ist Schluss mit Sachlichkeit und problemlösungsorientiertem Handeln. Man blickt dann eher in einen Käfig voller Narren, in dem die Nabelschau fröhlich Urständ feiert, es herrscht eine Gezicke und Gegacker und Genöle und ein Kreisen um sich selbst. Wer das nicht glaubt, der hat nie eines dieser unsäglichen Foren im Vorfeld des Berliner CSD 2014 besucht, die ja bekanntlich im Endeffekt zur Folge hatten, dass sich die sogenannte LGBT-„Community“ in Berlin spaltete, und sich die LGBT-„Community“ außerhalb Berlins schlapp lachte, wahlweise ungläubig staunte. Und wer das mit dem Käfig voller Narren nicht glaubt, der sollte es einmal als Journalist versuchen und in eben jener LGBT-„Community“ in Berlin hintergründig recherchieren. Der Autor dieses Beitrags hat das mehrere Tage lang getan, hat dabei mit etlichen Protagonisten des Aktionsbündnisses gesprochen und versucht, zu eruieren, was von nun an gehen könnte und was nicht. Schon an dieser Stelle sei betont: Es taten sich Abgründe auf! Da wurde und wird gehetzt und gespuckt, Dokumente mit geschwärzten Namen wurden und werden einem gesteckt von Leuten, die zum Teil derart bedeutungsschwanger dreinschauen, als fühlen sie sich als Wiedergänger Edward Snowdens. Und die Bitte vieler Informanten darum, in dem Artikel auf keinen Fall genannt zu werden, lief und läuft dabei quasi in einer Dauerschleife. Da wird mit Killerphrasen („Ralph Ehrlich ist ein Gutmensch, der alles falsch gemacht hat!“) nur so um sich geschmissen, der Rest der Gespräche besteht aus Verschwörungstheorien („Unterlagen wurden angeblich gestohlen!“) oder dem Versuch, Menschen zu diskreditieren („Schau dir doch mal die Vergangenheit von diesem J. an – da wirst du aber staunen!“) sowie Absurditäten („Wir durften die Unterlagen nicht mal mitnehmen oder fotografieren!“). Ansonsten wurden dem Journalisten die folgenden Einschätzungen über andere Menschen in den Block diktiert: „Arschloch!“, „Drecksack!“, „Schwein!“… Belassen wir es bei dieser kleinen Auswahl, „wertschätzende Kommunikation“ sieht anders aus.

Der Scherbenhaufen ist nicht zu kitten

Die Gemengelage ließe sich im Gegenteil so beschreiben: Widerlich! Und selten hat es den Verfasser bei Recherchen derart gefröstelt. Zu alledem kommt beim Aktionsbündnis eine schier unfassbare Inkompetenz. So wurde ein Fundraising mit einer Mailadresse betrieben, die falsch war. Einem entsprechenden Hinweis des Autors dieses Meinungsartikels folgte dann erst mal – nichts. Dann landeten Leute, die mit dem Aktionsbündnis eigentlich nichts zu tun haben, in einem „internen“ Email-Verteiler, und einem entsprechenden Hinweis des Autors folgte dann erst mal – nichts. Und dass für jeden, der am Mailverkehr beteiligt war, bis heute dann auch noch die Mailadressen der anderen Teilnehmer ersichtlich ist, könnte gar juristisch von Relevanz sein, wenn jemand das beklagen würde. Einem entsprechenden Hinweis des Autors folgte dann – nichts. Ralph Ehrlich, einer der Hauptakteure des Aktionsbündnisses, gesteht bei alledem durchaus gemachte Fehler ein. In einer „internen“ und sehr bewegenden Mail an die „Liebe Freunde des Aktionsbündnis“ schrieb er etwa von „Handlungsweisen“, die „nicht so waren wie ich eigentlich mich kenne und es meine Art ist.“ Und zu queerpride.de sagte er: „Es hätte mehr Raum für Diskussionen geben müssen, vor allem mit kleineren Gruppen, die wir inhaltlich mehr hätten einbinden müssen.“ Das sind durchaus redliche Aussagen, doch helfen diese ebenso wenig wie die Erkenntnis, dass es eine große Kluft gibt zwischen dem Ralph Ehrlich, der sich seit vielen Jahren in der „Community“ aufrichtig engagiert, und dem Ralph Ehrlich, wie er -siehe oben – von manchen seiner Gegnern skizziert wird. Gleichwohl: Was Ralph Ehrlich und etliche andere, an dieser Stelle seien auch die Vertreter des Vereins „Berliner CSD e. V.“ ausdrücklich erwähnt, nicht verstehen oder verstehen wollen: Es geht nach diesem CSD 2014 nicht mehr um eine Schadensbegrenzung, sondern es geht es um eine schonungslos ehrliche Analyse und einen radikalen Schnitt inklusive einem Neuanfang.

Wir brauchen ein LGBT-Parlament

Eines der Grundübel der LGBT-„Community“ – siehe den Beginn dieses Meinungsartikels – sind die Partikularinteressen einzelner Gruppierungen, in deren Folge oft die große Linie verlorengeht. Die Protagonisten sind nicht selten Pfründesammler und dabei durchdrungen von der Überzeugung, sehr bedeutend zu sein. Und so kochen lauter Alphatierchen ihr Süppchen, irgendwann wird dann alles zusammengekippt und raus kommt ein übles Gebräu, das nicht schmeckt. Das lässt sich beim Verein „Berliner CSD e. V.“ beobachten, und so ist es auch beim „Aktionsbündnis“. Hier liegen also Konstrukte vor, die für die Zukunft nicht mehr hilfreich sind, wozu beim „Aktionsbündnis“ zum Beispiel gehört, dass jeder eine Stimme hat, egal wie klein die Gruppierung ist, die jemand da vertritt. Was soll dieser undemokratische Quatsch? Und warum wird nicht ein LGBT-Parlament gegründet, das wahrhaft die LGBT-„Community“ widerspiegelt, weil deren „Abgeordnete“ auf der Grundlage belastbarer Mitgliederzahlen entsandt werden, zum Beispiel pro zehn Mitglieder ein Mandat etc.?! Ein Parlament, dessen Beschlüsse dann für alle Seiten bindend sind und welches auch über Sanktionsmöglichkeiten verfügt!? Vorbereitet werden könnte ein solches Parlament von einem Runden Tisch, an dem unaufgeregte und respektierte CSD-Urgesteine wie Klaus Karn und Bernd Gaiser, oder der frühere Bundesanwalt Manfred Bruns sitzen könnten. Aus der aktuellen Szene seien zum Beispiel Petra Nowacki oder Zehra Can genannt, konstruktive Menschen also, die bei den beiden CSD’s 2014 eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben, dass sie anpacken können und ihnen dabei der Ausgleich und ein fleißiges Engagement wichtiger sind als das Gegockel von irgendwelchen Platzhirschen. Ein Versuch wäre es doch wert. Und wenn es dann auch klappt, dann könnten beim Wörtchen „Community“ endlich auch die „“ verschwinden…

Written by Holger Doetsch

Holger Doetsch ist Bankkaufmann, Redakteur und Autor verschiedener Bücher, unter anderem "Elysander" und "Ein lebendiger Tag". Im Journalismus kennt er alle Seiten des Tischs, er publiziert in mehreren Zeitungen und Onlinemedien, war Pressesprecher (u. a. in der letzten DDR-Regierung) und unterrichtet seit 1995 Journalismus, PR sowie Rhetorik an verschiedenen Hochschulen.

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