Es begann nicht mit einer offiziellen Ankündigung. Nicht mit einem Versehen, das sofort korrigiert wurde. Es begann damit, dass eines Morgens ein Account einfach weg war. Keine Vorwarnung, keine Erklärung, keine funktionierende Möglichkeit, Einspruch einzulegen. Pepe Maus, Berliner Performancekünstlerin, verlor mit ihrem Instagramkonto nicht nur 50.000 Follower und Jahre an Archivarbeit. Sie verlor ein gesamtes Portfolio, ein Netzwerk, eine Bühne, einen Gemeinschaftsraum. Der KitKatClub in Berlin verlor seinen Account. Das Insomnia musste gleich zwei Kontolöschungen ohne jede Begründung hinnehmen. Das Kollektiv Gegen kämpft seit Monaten darum, in der digitalen Welt überhaupt noch sichtbar zu existieren.
Was gerade auf den Plattformen des Konzerns Meta passiert, ist kein technischer Fehler. Es ist kein Moderationsversehen, das mit einer Entschuldigung aus der Welt geräumt werden kann. Es ist ein strukturelles Problem, das die queere Community in ihrer digitalen Existenz trifft. Und es ist an der Zeit, damit aufzuhören, das kleinzureden.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Die gemeinnützige Organisation Repro Uncensored hat in diesem Jahr bereits über 400 dokumentierte Fälle dieser Art registriert, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Allein im April traf es mindestens 130 Accounts, die überwiegende Mehrheit davon queere oder sexpositive Profile. Betroffen sind nicht nur Berliner Clubs und Nachtlebenkollektive. In Amsterdam gehen LGBTIQ Organisationen nach einer Welle von Massensperrungen juristisch gegen Meta vor. In Chile verlor ein queeres Kollektiv kurz vor dem Erreichen von 15.000 Followern seinen Account und damit rund 75 Prozent seiner Ticketverkäufe. In Bangkok, in Santiago, in Paris, in Berlin. Es ist kein Einzelphänomen. Es ist ein globales Muster.
Das Besonders Zynische daran: Die meisten der betroffenen Accounts haben keinerlei explizit sexuelle Inhalte verbreitet. Queere Körper, Latexästhetik, Performancekunst, Drag, sexpositive Ausdrucksformen. All das wird von automatisierten Moderationssystemen als verdächtig eingestuft, weil Algorithmen keine Subkultur verstehen. Sie kennen Schablonen. Queere Kultur passt in keine davon. Wie Pepe Maus es treffend formuliert: „Algorithmen verstehen keine Subkultur.“ Einem Moderationsbot ist es gleichgültig, ob ein mit Latex bedeckter Körper Kunstausdruck ist oder ob eine Partyreihe wie Gegen seit 15 Jahren queere Gemeinschaft aufbaut. Der Algorithmus sieht, was er sehen will, und löscht ohne Rückfrage.
Wir haben uns freiwillig abhängig gemacht
Hier beginnt der Teil, über den die Community ehrlich nachdenken muss. Und ich sage das als jemand, der seit Jahren im digitalen Marketing der queeren Szene tätig ist, der weiß, wie diese Plattformen funktionieren und wie verlockend ihre Reichweite über Jahre hinweg war.
Wir haben uns selbst in diese Abhängigkeit manövriert. Über Jahre haben queere Künstlerinnen und Künstler, Clubs, Organisationen und Aktivisten ihre gesamte digitale Infrastruktur auf Plattformen aufgebaut, die ihnen nicht gehören. Auf einem Konzern, der zu Beginn des Jahres 2025 sein gesamtes Diversity und Inclusion Programm abgebaut hat. Der seine Tatsachenprüfung auf Facebook abgeschafft hat. Der mit seiner Plattformstrategie längst unmissverständlich klargestellt hat, welchen Kurs er einschlägt. Und jetzt wundern wir uns?
Ich sage das nicht, um Betroffene zu beschämen. Pepe Maus hat nichts falsch gemacht. Das Kollektiv Gegen hat nichts falsch gemacht. Niemand, der auf Instagram seine Kunst, seine Community und sein Lebenswerk über Jahre aufgebaut hat, hat einen Fehler begangen. Der Fehler liegt im System. Aber wir haben uns kollektiv geweigert, die Konsequenzen zu sehen, solange die Reichweite stimmte. Jetzt zeigt das System sein wahres Gesicht, und wir stehen ohne Plan da.
Pride Month mit Regenbogenlogo, Löschung inklusive
Wir stecken mitten im Pride Month. Überall Regenbogenlogos auf Konzernwebsites, überall Solidaritätsbekundungen im Hochglanzformat. Gleichzeitig werden die Accounts echter queerer Kunstschaffender vom selben Konzern gelöscht, der seine Moderationsrichtlinien ohne öffentliche Debatte verschärft hat und der auf politischen Druck aus den USA reagiert wie ein Barometer. Kein Zufall: Repro Uncensored beschreibt eine Welle koordiniert wirkender Kontolöschungen, die sich seit Ende 2024 aufgebaut hat, ausgelöst durch politische Verschiebungen in den USA mit globalem Welleneffekt.
Das Regenbogenlogo im Juni ist Dekoration. Das systematische Löschen ist Realität. Beides kommt aus demselben Haus. Wer das nicht als das erkennt, was es ist, nämlich Doppelmoral auf Konzernebene, dem fehlt der Blick für das, was hier eigentlich passiert.
Reichweite, die man ausleiht, gehört einem nicht
Was es jetzt braucht, ist keine bessere Beschwerdestrategie gegenüber Meta. Es braucht den konsequenten Aufbau eigener digitaler Räume. Unabhängige Plattformen, eigene Webseiten, dezentrale Netzwerke, direkte Verteiler über Newsletter statt über Algorithmen, die uns jederzeit abschalten können. Ja, es ist aufwändiger. Ja, die anfängliche Reichweite ist kleiner. Aber Reichweite, die ein Konzern per Klick entziehen kann, war nie wirklich die eigene. Sie war ausgeliehen. Und sie wird gerade zurückgefordert, systematisch und ohne Vorwarnung.
Die juristische Offensive in den Niederlanden ist ein wichtiges Signal. LGBTIQ Organisationen klagen auf Basis des EU Digital Services Act, und sie haben gute Argumente. Aber bis Gerichte entscheiden, werden weitere Archive gelöscht, weitere Karrieren beschädigt, weitere Gemeinschaftsräume vernichtet.
Für queere Medienmacher, Verlage und Kulturschaffende im deutschsprachigen Raum ist das eine direkte Aufforderung zum Handeln. Wir müssen in unabhängige digitale Infrastruktur investieren, nicht in Followerzahlen auf fremden Plattformen. Queerpride.de steht für genau diesen Ansatz. Und es wird Zeit, dass mehr queere Medien diese Konsequenz ziehen, bevor Meta auch die letzten Accounts leert und sich mit einem Regenbogenlogo im Juni verabschiedet.
Marco Steinert-Baptista betreibt u.a. seit 2009 den LGBT-Vermarkter netzdenker und das Communityportal queerpride.de.